Die Rede zur Grundsteinlegung am 12. Juni 2013

Vor einem Jahr fand die Grundsteinlegung vom Berliner Schloss – Humboldtforum statt. Rang und Namen trafen sich, um dem Spektakel beizuwohnen. Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Mitglied des Ordens Pour le Mérite. Er hielt die Rede der großen Veranstaltung. Alle, die nicht dabei waren oder es schon wieder vergessen haben, können die Rede hier nachlesen.

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Die Rede zur Grundsteinlegung für das Berliner Schloss am 12. Juni 2013

Was für ein Tag, was für ein Wetter! Man möchte fast sagen: Wenn Engel bauen! Man könnte auch vom Kaiserwetter sprechen. Es ist heute ein wunderbarer Tag für alle, die sich hier versammelt haben. Der Gong, den Sie eben hörten, hat nicht wenig Symbolkraft, denn dieser Gong, meine Damen und Herren, ist das erste Objekt, das wir für das künftige Humboldtforum neu erworben haben. Und das Besondere dabei ist, dass der Künstler aus Java seit über 25 Jahren in Berlin lebt und arbeitet und dass er, wie Sie nach meiner Rede sehen werden, intensiv interagiert mit Musikern aus Berlin. Die Welt ist längst in Berlin, meine Damen und Herren. Es wird höchste Zeit, dass wir eine Einrichtung wie das Humboldtforum bekommen. Berlin braucht einen solchen Ort!

Und wir nehmen die Bezeichnung Humboldtforum durchaus ernst. Der Name ist Programm und dieses Programm wird von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihren Staatlichen Museen zu Berlin ebenso getragen wie von unseren Partnern, der Humboldt-Universität zu Berlin und der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, und deshalb möchte ich hier Jan-Hendrik Olbertz ebenso begrüßen wie Volker Heller. Wir haben eine gemeinsame Vision und die bedeutet, das, was in diesem Namen steckt, zu realisieren. Natürlich denkt man dabei an Alexander von Humboldt, den großen Erkunder fremder Welten, den Entdecker Lateinamerikas, den Erforscher Zentralasiens, aber man muss auch an Wilhelm von Humboldt denken. Zwar bringen wir ihn mehr mit der Museumsinsel in Verbindung, vergessen aber zu leicht, dass er wichtige Beiträge zur Sprachentwicklung in Südostasien und im Pazifikraum geliefert hat. Und an einem Tag wie heute, an dem etwas entstehen wird, wo später Universität, Museum und Bibliothek auf eine ganz besondere und neue Art zusammenwirken werden, hätte ein Wissenschaftsorganisator wie Wilhelm von Humboldt gewiss auch seine Freude gehabt.

Das Interessante ist, dass in diesem Humboldtforum hinter den Mauern des Schlosses nicht etwas entsteht, das gleichsam zufällig zusammenkommt, sondern es sind drei Einrichtungen, die ihren Ursprung in der Kunstkammer im historischen Schloss haben. Bevor mit Altem Museum, Neuem Museum und den anderen Bauten auf der Museumsinsel dieser wunderbare Ort, diese einmalige Welterbestätte der UNESCO entstanden ist, befanden sich alle diese Sammlungen im Berliner Schloss. Es gibt einen Stich aus der Schinkelzeit, der Räume im Spreeflügel zeigt, in denen die völkerkundlichen Sammlungen untergebracht waren. Im Schloss war außerdem die erste öffentliche Berliner Bibliothek entstanden. Und es war der Ort, an dem, Leibniz muss man hier nur nennen, die wissenschaftsgeschichtlichen Sammlungen der Kunstkammer, die heute in der Humboldt-Universität sind, zusammengetragen wurden. Wenn Sie zukünftig dieses Humboldtforum dann durch das Eosanderportal, den Hauptzugang, betreten, werden Sie in eine imposante Eingangshalle gelangen. Dort werden in verschiedenen Nischen sich über mehrere Etagen hinziehende Installationen erfahrbar machen, was die Kunstkammer geistes- wie wissenschaftsgeschichtlich für uns und für Europa bedeutet. Der Besucher wird dann gleich zu Beginn durch eine große Geste begreifen, warum das Humboldtforum legitimiert ist, genau an diesem Ort zu sein, warum es hier seine Wurzeln hat. Ich möchte hier auch bewusst Leibniz mit seinem Theatrum naturae et artis erwähnen, dieses spielerische Verbinden von Wissenschaften und Künsten mit dem Ziel der Bildung und der Vermittlung. Das ist letztlich auch das, was im Erdgeschoss – gelegentlich als Agora bezeichnet – stattfinden soll. In Multifunktionsräumen wird die ganze Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen erlebbar sein, Kino, Musik, Performance, Theater, bildende Kunst, Podiumsdiskussionen und vieles mehr. Von hier aus wird sich der Brückenschlag zwischen den historischen Sammlungen und den Fragen der Gegenwart und der Zukunft entfalten.

Von hier aus ziehen sich dann die Sonderausstellungsflächen bis in die erste Etage. Die Humboldt-Universität wird dort ihr „Humboldt-Labor“ bespielen, einen Veranstaltungsbereich, in dem das Arbeiten moderner Wissenschaft mit all ihren Grenzen, ihren Widersprüchen und ihren Kontroversen verstehbar wird. Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin wird in der ersten Etage nicht einfach nur Bücher bereitstellen, sondern nach Art eines Science Centers sich dem Thema „Welt der Sprachen“ widmen. Die Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz werden dort unter anderem das Phonogrammarchiv bereitstellen, immerhin Weltkulturerbe, das sich mit dem Lautarchiv der Humboldt-Universität ebenso verbindet wie mit dem Thema „Sprache“ der Landesbibliothek. Vieles könnte man noch hinzufügen, wie die Einrichtungen sich verzahnen und sich dabei auch der gemeinsamen Aufgabe stellen, wie das Humboldtforum in unsere Gesellschaft hineinwirken kann.

Im ersten Obergeschoss beginnen auch die Staatlichen Museen mit ihrer Präsentation, die sich dann hinaufzieht in die zweite und dritte Ebene. Mit ihren fantastischen Sammlungen bieten sie eine Reise durch die Welt. Neil MacGregor hat dies in seinem Statement sehr deutlich gemacht. Es war der frühere französische Staatspräsident Jacques Chirac, der 2006 bei der Eröffnung des Musée du quai Branly, dem Museum der außereuropäischen Kunst und Kultur in Paris, gesagt hat, dass ein Museum wie der Louvre langfristig keine Zukunft haben kann, wenn wir Kunst und Kultur von 70 Prozent der Weltbevölkerung ignorieren. Besser kann man es nicht sagen. Das British Museum hat vor etlichen Jahren schon völkerkundliche Sammlungen integriert. Das Metropolitan Museum of Art in New York besitzt selbstverständlich auch eine Galerie zu afrikanischer Kunst, zur Kunst der Südsee, und Asien ist ebenfalls vertreten. Hier in der Mitte Berlins lässt sich diese Vision mit Museumsinsel und Humboldtforum jedoch noch einmal in einer ganz anderen Dimension realisieren, und das ist die große Chance!

Dabei wollen wir die Sammlungen nicht nur auf eine ganz neuartige Weise präsentieren, sondern wir haben in den letzten Jahren eine interessante Beteiligungsstruktur aufgebaut: Wir machen das alles nicht alleine, wir wollen die Herkunftsländer einbeziehen, wir arbeiten eng mit dortigen Kuratoren zusammen, mit den Nachkommen derer, die diese Dinge hergestellt haben. Man hört gelegentlich die Frage: „Geht denn so etwas in Berlin überhaupt, dem Ort der Kongo-Konferenz 1884/85?“ Wir stehen zu unserer Geschichte, auch zu diesem schmerzhaften Teil unserer Geschichte. Wir wissen sehr wohl, was das für Afrika bedeutet hat und welche Konsequenzen es bis heute nach sich zieht. Aber es war für uns alle hilfreich, als gerade unsere afrikanischen Kollegen, mit denen wir kooperieren, gesagt haben: Wenn genau an diesem Ort afrikanische Kunst und Kultur gleichwertig mit der europäischen präsentiert wird, dann hat sich in der Tat etwas in unserem Verhältnis grundlegend verändert. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das der entscheidende Punkt ist. Man hat uns auch mit auf den Weg gegeben, Afrika nicht nur durch die Brille des Kolonialismus zu betrachten, weil es auch eine Geschichte Afrikas vor dem Kolonialismus und eine danach gab. Mit diesem Ansatz kann das Humboldtforum eine enorme integrative Kraft entwickeln. Noch einmal: Die Welt ist längst in Berlin, und es gilt, all denen hier einen Ort zu geben, den auch sie als einen kulturellen Mittelpunkt empfinden.

Die Museumsinsel mit ihren herausragenden Sammlungen zur Kunst und Kultur Europas und dessen Wurzeln im Nahen Osten war die große Vision des 19. Jahrhunderts. Im Humboldtforum werden Kunst und Kultur Afrikas, Asiens, Australiens, Ozeaniens und Amerikas mit nicht minder großartigen Sammlungen vertreten sein. Diese Konstellation ist einzigartig, und dieses Zusammenspiel kann es in dieser Dimension nur in Berlin geben, wie Neil MacGregor mit Recht hervorhob. Gerade eingedenk unserer schwierigen Geschichte im 20. Jahrhundert hat diese Rückbesinnung durchaus etwas sehr Positives. Es ist die Rückbesinnung auf die große Tradition Preußens als Bildungs- und Kulturstaat. Es gilt, gleichsam das Beste von Preußen aufzugreifen und für die Zukunft weiterzuentwickeln. Das ist schon etwas, wofür es sich zu arbeiten lohnt.

Und wenn ich mir vorstelle, wenn man nach der Eröffnung des Humboldtforums 2019 vom Brandenburger Tor hier zur Spree herunterschreitet, dann werden Sie auf halbem Wege zunächst zur Linken an der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz vorbeikommen, diesem gigantischen wilhelminischen Bildungstempel, dieser Kathedrale des Wissens, ein Stück weiter dann, nicht zum Preußischen Kulturbesitz gehörig, an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie auf der anderen Straßenseite an der Staatsoper, einem der bedeutendsten Opernhäuser Europas, und schließlich erreichen Sie – nur noch ein kleines Stück weiter – die Museumsinsel. Zur Linken sehen Sie die Museumsinsel mit dem neuen Eingangsgebäude und der Freitreppe des Alten Museums, zur Rechten das Humboldtforum im Berliner Schloss. Deutschland präsentiert sich damit als weltoffenes Land, dem seine Kultur etwas wert ist. Die Welt wird dann wieder einmal auf Berlin schauen und sich sagen, Mein Gott, was für eine Stadt!

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