Wo der Weltgeist wohnen soll
Die Fassaden des Berliner Stadtschlosses werden wiederaufgebaut – aber was soll hinein in den Bau? Dem sogenannten Humboldt-Forum, auf das sich alle Beteiligten geeinigt haben, fehlt jedenfalls ein Konzept. Ein Zwischenruf
Von Philipp Oswalt
Wichtiger als die Rekonstruktion der Barockfassaden ist bei der Bebauung des Berliner Schlossareals eigentlich die Frage der Nutzung: Was soll hier stattfinden? Lange wurde dieses Thema stiefmütterlich behandelt; dominiert wird die Debatte bis heute vom Wunsch, die Schlossfassaden wieder stehen zu sehen. Doch seit Klaus-Dieter Lehmann, damals Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Idee des Humboldt-Forums in die Welt gesetzt hat, scheint die Frage, wozu das Schloss denn gut sein werde, zur Zufriedenheit aller gelöst zu sein.
Das geplante Humboldt-Forum macht auch denen, die der Fassadenrekonstruktion kritisch gegenüberstehen, ein Angebot , das inhaltlich attraktiv erscheint und dankbar angenommen wird, selbst von Politikern der Grünen und der Linken. Offenkundig ist die legitimatorische Funktion dieses Konzeptes: Das preußische Herrscherschloss wird zum Ort des globalen Kulturaustausches. Hier muss keiner mehr befürchten, dass deutscher Nationalismus oder preußischer Militarismus hinter den Fassaden hervorkriechen. In seiner blumigen Sprache brachte es Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Berliner Museen, auf den Punkt: „Man könnte geradezu von einer alchimistischen Verwandlung Preußens durch seine Museen und Universitäten zum Ruhme dieser Bundesrepublik sprechen.“ Viele halten das Humboldt-Forum für das wichtigste nationale Bauvorhaben; es soll ein Ort der Identifikation für das wiedervereinte Berlin und Deutschland sein.
Das Nutzungskonzept ist eine pragmatische Lösung: Die drei Anrainer des Schlossareals, nämlich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Humboldt-Universität und die Berliner Landesbibliothek, teilen das Haus unter sich auf. Vor sechs Jahren, so hieß es, hätten diese drei Institutionen eine Arbeitsgruppe gebildet, die das Nutzungskonzept entwickeln sollte. Doch was die Gruppe für Deutschland wichtigstes Kulturprojekt erarbeitet hat, ist nicht erkennbar. Die Ergebnisse eines Kooperationsprojekts der Bundeszentrale für politische Bildung mit den Nutzern (die auf der Website www.humboldt-forum.de dokumentiert sind) sehen erschütternd mager aus. Auch die Ausschreibung des Architektenwettbewerbs gibt – außer in ihren anmaßenden Selbstbeschreibungen („weltweit einzigartig“, „von suggestiver Kraft“, „bedeutendstes Bauwerk Nordeuropas“ etc.) – inhaltlich nicht mehr her.
Dabei ist der Bedarf für eine durchdachte Konzeption doch äußerst dringend. Nicht nur, dass die erste Idee zum Humboldt-Forum weiterentwickelt werden müsste, bevor die geplante halbe Milliarde Euro in den märkischen Sand gesetzt wird. Es herrscht auch ein akuter Sparzwang: Die von der internationalen Expertenkommission vorgeschlagenen 100 000 Quadratmeter Nutzfläche wurden um mehr als die Hälfte auf 40 000 reduziert. Und dies, obwohl Lehmann bereits 2001 die ursprüngliche Fläche für das Raumprogramm als unzureichend ansah und vorschlug, auf ein Nutzungselement zu verzichten. Das traut sich aber keiner. Stattdessen soll die Humboldt-Universität statt 8000 Quadratmetern nur noch 1000 bekommen. Damit ist nichts Sinnvolles anzufangen.
Die Landesbibliothek erhält 4000 Quadratmeter und scheint damit bessergestellt als die Universität. Anstatt aber, wie ursprünglich vorgesehen, die Bibliothek am Schlossareal zu vereinen, reicht der vorgesehene Platz nur noch für einen kleinen Teil. Absurderweise wird zudem die Bibliothek so aufgeteilt, dass die Abteilungen für Völkerkunde und Volkskunde der Landesbibliothek im Humboldt-Forum gar nicht untergebracht werden, obwohl dort ja die ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz präsentiert werden sollen. Die Leiterin der Landesbibliothek, Claudia Lux, tut trotzdem so, als ob alles in Ordnung wäre: „4000 Quadratmeter neue öffentliche Bereiche auf dem Schlossplatz für die Berlinerinnen und Berliner in ihrer Landesbibliothek, da muss man zustimmen.“ Eigentlich nicht.
Doch der entscheidende Konzeptionsfehler des Humboldt-Forums liegt darin, dass es auf die Zerstörung bestehender Zusammenhänge in den Beständen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hinausläuft. Die außereuropäischen Sammlungen kann man im Humboldt-Forum eben nur dann präsentieren, wenn man aus der bestehenden ethnologischen Sammlung in Dahlem die europäische Abteilung heraustrennt. Damit würde die von Rudolf Virchow Ende des 19. Jahrhunderts initiierte Sammlung aus dem ethnologischen Museum herausgerissen; nur um diesen Preis lässt sich, gegenüber der Museumsinsel, außereuropäische Volkskultur gegen europäische Hochkultur inszenieren.
Zudem ist die Behauptung, das Humboldt-Forum werde der Ort schlechthin für die außereuropäischen Sammlungen, ein Etikettenschwindel. Es gibt „Europäisches“ mit „Außereuropäischem“ gemischt: in der Skulpturensammlung im Museum für byzantische Kunst des Bodemuseums, dem Münzkabinett im Pergamonmuseum, der Neuen Nationalgalerie, dem Museum für Gegenwartskunst im Hamburger Bahnhof. Es gibt außerdem das Ägyptische Museum in Charlottenburg, das Vorderasiatische Museum und das Museum für Islam im Pergamonmuseum sowie das Ibero-Amerikanische Institut auf dem Kulturforum.
Die jetzige Konzeption des Humboldt-Forums, das ist also die um ihre europäische Abteilung beraubte ethnologische Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (plus die asiatischen Sammlungen). Hinzu kommt ein kleiner Teil der Landesbibliothek, der aus den bestehenden Häusern herausgerissen wird und dem man große Popularität zuschreibt (die Abteilungen Kinder, Jugend, Bühne, Film, Tanz, Kunst, Musik).
Doch Zweifel haben die Erfinder, Erbauer und künftigen Betreiber des Humboldt-Forums nicht; vielmehr ist es für sie eine magische Wundermaschine, die alles ermöglicht: Das Humboldt-Forum soll für sie alles sein: „ein globales Netzwerk, das den Kunstgenuss gleichberechtigt neben die Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der Globalisierung stellt und sich gleichzeitig als ein attraktives Veranstaltungszentrum versteht“. Und dann das: „Global Shopping für Besucher, Passanten und Touristen“; während die Sammlungen „authentisch außereuropäische Kulturen dokumentieren“ und damit ein „nicht kuratiertes Ideenreservoir“ erschließen. Das Humboldt-Forum gibt mit seinem „weltweit einzigartigen Reichtum“ der „Weltkompetenz“ und dem „Weltwissen“ ein „pulsierendes Zentrum“. Es ist ein „Bürgerforum“, welches „das im Palast der Republik verkörperte Konzept eines ,Volkshauses‘ aufgreift“ und nichts weniger als die „bürgerschaftliche Mitte der deutschen Hauptstadt“ bildet. Damit ist es selbstredend „ein vitaler Ort, der den zutiefst politischen Schlossplatz wiederum politisch nutzt“ und generös „die Welt zum Teilhaber einer der vornehmsten Plätze Deutschlands“ macht. Denn schließlich wird eine „Vielzahl von Künstlern und Wissenschaftlern aus aller Welt . . . als Gäste im Humboldt-Forum in der Mitte Berlins ihren Wirkungsort haben“. Und so erfährt „der universale Anspruch, im Museum die Kunst der ganzen Welt und aller Wissenschaften zu studieren, nun mit dem Humboldt-Forum seine wirkliche Erfüllung“.
Das heutige Konstrukt des Humboldt-Forums kann nur verstanden werden als Reaktion auf den Rechtfertigungsdruck, den die gesellschaftlich stark umstrittene Entscheidung für die barocken Fassaden geschaffen hat. Das Humboldt-Forum leitet aus der Sehnsucht nach den Barockfassaden einen Inhalt ab; immer wieder wird darauf verwiesen, dass die Ursprünge der Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Humboldt-Universität auf die Wunderkammern im Berliner Schloss zurückgehen und somit Form und Inhalt einander bedingen. Dieser Zusammenhang ist keineswegs zwingend. Genauso ließe sich eine Nutzung durch das Finanzministerium, die Bundesbank, das Staatsarchiv, das Gästehaus der Bundesregierung oder den Bundesgerichtshof legitimieren.
Im Windschatten des Fassadenstreits, auf den die öffentliche Debatte fixiert ist, blieb das Konzept fürs Humboldt-Forum von Kritik verschont. Erste Zweifel am Nutzungskonzept wurden jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung laut, wo das Schloss als neuer Standort für die Gemäldegalerie vorgeschlagen wurde (am 25. März 2008); dies ist aber keine überzeugende Lösung. Denn es stellt sich ja die Frage, welche Vorteile die zusätzliche Konzentration neuer musealer Nutzungen auf der Museumsinsel mit sich bringen soll. Der Charme vieler Metropolen zeigt sich gerade darin, dass, wer verschiedene Museen besucht, zugleich verschiedene Stadtteile erläuft und erkundet. Kein Mensch kann jetzt schon die auf der Museumsinsel konzentrierten Sammlungen an einem Tag besichtigen. Urbanistisch wäre es erstrebenswerter, mit ganz anderen Konzepten auch ganz andere Menschen an diesen Ort zu locken, statt hier ein reines Touristengetto zu schaffen.
Für die Entwicklung einer tragfähigen Konzeption ist es spät, aber noch nicht zu spät. Nach der Entscheidung über den Architektenwettbewerb könnte die Raumkonzeption überarbeitet und weiterentwickelt werden. An der Spitze der Stiftung Preußischer Kulturbesitz steht jetzt Hermann Parzinger, der bei ausreichender politischer Rückendeckung die Dinge neu justieren könnte. Hoffen wir, dass die Beteiligten den Mut aufbringen, der Frage der Nutzung nochmals ernsthaft nachzugehen, und nicht das Projekt, wenn nur die Fassade für sie stimmt, einfach durchwinken oder gar möglichst schnell durchpeitschen.
Für eine erfolgreiche Entwicklung wäre es jedoch unabdingbar, das Projekt seiner politischen Instrumentalisierung zu entziehen und zu entstaatlichen. Alle wichtigen Gremien und Prozesse wurden und werden bislang von Politikern dominiert. Der internationalen Expertenkommission Historische Mitte saß der österreichische SPÖ-Politiker Hannes Swoboda vor; fünf Politiker fungierten zudem als die „Moderatoren“, vier weitere waren selber Experten; dem Preisgericht des zurzeit laufenden Architekturwettbewerbs gehören als Sachpreisrichter zehn Politiker, aber nur drei Repräsentanten der künftigen Nutzer an. Der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse spielte in der ersten Jurysitzung eine dominante Rolle; der Ex-MdB Richard Schröder (SPD) und die FDP-Politiker-Witwe Ingrid Rexrodt sind die Vorsitzenden des Fördervereins Berliner Schloss e.V., und selbst die sogenannten flankierenden Aktivitäten, die der „Stiftung Berlin“ (Volker Hassemer, Senator a.D. der CDU, Richard Schröder) zum Beispiel oder der Bundeszentrale für politische Bildung (Thomas Michael Krüger, SPD), sind fest in der Hand von Politikern. Nur wenn es gelingt, das Projekt dem Politikbetrieb und damit dessen Legitimationsbedürfnissen, Kompensationsgeschäften, lobbyistischen Einflussnahmen, Interessensverflechtungen, aber auch den Ängsten, Tabus und Orthodoxien zu entziehen, wird etwas Brauchbares entstehen können.
Das Schlossareal war über Jahrhunderte ein Ort der Staatsmacht; nur in kurzen Momenten des Umbruchs zu Zeiten des Berliner Unwillens 1848, nach der Novemberrevolution von 1919, vor der Sprengung in den frühen Nachkriegsjahren und nach der Asbestsanierung des Palasts der Republik bis zu dessen Abriss (2002 bis 2005) war es ein zivilgesellschaftlicher-bürgerschaftlicher Ort. Nur wenn der Politikbetrieb, nachdem er die Finanzierung gesichert hat, die Kontrolle über das Projekt abzugeben bereit ist und unabhängige kulturelle Akteure es entwickeln können, besteht die Chance auf ein schlüssiges Projekt. Die fortgesetzte Indienststellung der Kultur für Politikbetrieb und Staatsapparat wäre die Fortsetzung einer unseligen Tradition dieses Ortes.
FAZ, 24.08.2008
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