Wieviel Schloss kommt ins Berliner Schloss?

Wieviel Schloss kommt ins Berliner Schloss?

Mit dem Beschluss der Bundesregierung vom 4. Juli dieses Jahres, das Humboldt-Forum im Berliner Schloss zu errichten und seine Finanzierung sicherzustellen, hat sich der Schwerpunkt der Schloss-Debatte verlagert. Es geht nicht mehr um das „ob“ einer Rekonstruktion, sondern allein um das „wie“. Dabei hat sich bei den meisten Beteiligten bereits die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Projekt nicht als reines Kontrastprogramm durchgeführt werden darf, etwa mit akribisch rekonstruierten Fassaden und Schlüterhof im Äußeren und einem gleichzeitig davon völlig losgelösten modernen Innenleben.

Grundsätzlich kann man den Flächen des einstigen Schlosses neue Grundrisse geben, wie sie die neuen Nutzungen erfordern werden – und so wird es in weiten Teilen auch geschehen. Dies muss kein Schaden sein, wenn sichergestellt ist, dass an ausgewählten Stellen die historischen Räume berücksichtigt werden. Sie verhindern, dass die Außenfassaden zur reinen Hülle verkommen und geben dem ambitionierten Raumschiff Humboldt-Forum die notwendige Erdung.Schon im nach wie vor gültigen Bundestagsbeschluss von 2002 war bestimmt worden, dass „wo immer möglich historische Raumfolgen für ihren späteren Ausbau im originalen Format am alten Standort berücksichtigt werden“ sollen. Dass es hier in der Tat nicht zu einem Konflikt mit den künftigen Hauptnutzern, den Staatlichen Museen, der Berliner Zentral- und Landebibliothek sowie der Humboldt-Universität kommen muss, lässt eine aktuelle Aussage Christoph Markschies‘, des Präsidenten der Humboldt-Universität, erwarten, dem die „Idee eines Humboldt-Forums mit der Rekonstruktion von Schlossfassade und einzelnen Innenräumen verbindbar“ erscheint, ja er beschwört sie geradezu als „äußerst glückliche und für diese Stadt sehr spezifische Synthese“.Damit keine Missverständnisse aufkommen: Von ursprünglich über tausend Räumen kommen allenfalls sechzig Räume für eine Rekonstruktion in Betracht. Und selbst unter diesen wird man eine Auswahl treffen müssen. Bis 2013 – dieses Datum wird inzwischen als Termin der Fertigstellung des Humboldt-Forums genannt – wird sicherlich kein einziger Innenraum rekonstruiert sein. Dies kann in den nachfolgenden Jahren schrittweise geschehen, doch ist schon jetzt zu klären, welche Räume innerhalb des Gebäudes man dafür freihalten muss.Entscheidend bleibt, dass diese Auswahl nach klaren und nachvollziehbaren Kriterien erfolgt. Unerlässlich sind eine umfassende Kenntnis des historischen Zustands der Räume, des überlieferten Bild- und Quellenmaterials sowie der erhaltenen Fragmente und Einrichtungsgegenstände. Auch über die ursprüngliche Nutzung, die vom privaten Gebrauch einzelner Monarchen bis hin zu für die gesamte Nation bedeutsamen staatspolitischen Ereignissen reichte, muss man sich anhand von Dokumenten und Berichten Klarheit verschaffen. Erst auf einer solchen Basis lässt sich dann überhaupt entscheiden, ob und in welcher Form die Rekonstruktion eines Raumes oder eines Apartments auch technisch möglich und sinnvoll ist.Nun hat der langjährige Schlossforscher Goerd Peschken in einem gerade erschienenen Aufsatzband der Internationalen Bauakademie Berlin konkrete Räume benannt, die für eine Rekonstruktion in Frage kommen. Seine auch im Gespräch mit dieser Zeitung wiederholten Empfehlungen (s. WELT v. 4. Juli) erscheinen mir allerdings fragwürdig und willkürlich. So lehnt er beispielsweise eine Rekonstruktion des Großen Treppenhauses, eines Höhepunkts Schlüterscher Architektur, ab, obwohl dessen Hoffassade die konsequente Fortsetzung in das Innere hinein geradezu herausfordert. Peschken begründet seine Ablehnung damit, dass die bis auf einige Abgüsse verlorene Stuckplastik nicht wiederherstellbar sei. Denn deren Rekonstruktion müsste in der Tat weitgehend auf der Basis von Fotografien erfolgen, einem Medium, das Peschken für die Rekonstruktion plastischer Arbeiten prinzipiell als unzureichend erscheint.Schon 2001 hatte Peschken als Mitglied der Internationalen Expertenkommission diese Haltung bezüglich der Rekonstruktion des Sandsteindekors an den Fassaden vertreten. Nun haben sich dort zwar glücklicherweise von den meisten Elementen Originalfragmente erhalten. Doch gibt es ein dreidimensionales Element, zudem ein eigenwilliges und hochkompliziertes, nämlich den Stierschädel in der Fensterbekrönung des ersten Obergeschosses, dessen Prototyp ebenfalls nicht mehr auf der Basis eines originalen Rests geformt werden konnte, sondern allein mit Hilfe ausgezeichneten Bildmaterials. Das Architekturbüro Stuhlemmer, das nicht nur die Rekonstruktion der Architektur durchführt, sondern auch die der Bauplastik vorbereitet und organisiert, hat hier zusammen mit dem Bildhauer Matthias Körner überzeugend unter Beweis gestellt, zu welchen Leistungen unsere Zeit bei entsprechend seriöser Planung imstande ist. Dies hat sogar Peschken anerkannt. Es wäre ein Anlass, seine ursprüngliche Meinung zu revidieren.Mit demselben Argument, figurale Stuckplastik sei nicht auf der Grundlage von Fotografien rekonstruierbar, lehnt Peschken auch die Wiederherstellung der barocken Paradekammern aus der Zeit Friedrichs I. ab, also der wichtigsten Raumfolge des Berliner Schlosses. Dabei muss man zugestehen, dass die überreichen und raffinierten Formerfindungen Schlüters, die zu den herausragenden Innendekorationen ihrer Zeit gehören, jeglichen leichtfertigen Umgang verbieten und ihre Rekonstruktion eine enorme Anstrengung geistiger und materieller Kräfte voraussetzen würde. Grundsätzlich ausschließen darf man sie dennoch nicht. Doch selbst ohne diese Stuckaturen verbietet es sich, die Räume einer modernen Nutzung preiszugeben.Im Rittersaal etwa, dem Mittelpunkt der Suite, wurde über ein komplexes Programm der Ausstattung diejenige Idee visualisiert, die den Umbau des Schlosses durch Schlüter entscheidend motiviert hatte, nämlich die Erlangung der preußischen Königswürde. Hier fand die Formensprache der Außenfassaden ihre inhaltliche Entsprechung. Zur Veranschaulichung dieser Idee trugen nicht allein die Stuckaturen bei, sondern in weit größerem Ausmaße das Deckengemälde. Auf ihm wird die segensreiche Wirkung der Königskrönung für das Gedeihen der Künste und Wissenschaften illustriert, also ein Thema intoniert, in dessen Tradition heute das Humboldt-Forum steht. Der geistesgeschichtlichen Relevanz dieser Gemälde war man sich im letzten Krieg bewusst, so dass 1942/43 Sätze von Farbdiapositiven angefertigt wurden, um sie im Falle der erwarteten Zerstörung bei Luftangriffen später wiederherstellen zu können. Andernorts ging man ähnlich vor, und in den kriegszerstörten Schlössern in Charlottenburg, München, Bruchsal oder Mannheim hat man inzwischen zahlreiche Deckengemälde mit Hilfe solcher Farbdias wieder erschaffen.Außerdem haben sich aus dem Berliner Schloss noch zahlreiche Ausstattungsgegenstände wie Möbel und Gemälde erhalten, die heute auf die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg sowie die Berliner Museen verteilt sind, darunter so bedeutende Kunstwerke wie Gottfried Schadows Prinzessinnengruppe, Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ oder David Roentgens Neuwieder Kabinett. Bislang wurde noch nicht einmal im Ansatz der Versuch unternommen, sich einen systematischen Überblick über die erhaltenen Bestände zu verschaffen. Wer bei den vergleichbaren Wiederaufbauprojekten in Warschau und Vilnius beobachtet, welche Energien auf die Suche nach den Resten der einstigen Innenausstattung verwendet wurden, um sie wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückzuführen, ist schon ein wenig erstaunt darüber, wie wenig Interesse man in Berlin dem glücklich geborgenen Inventar entgegenbringt.Ein gutes Beispiel ist das prächtige barocke Silberbuffet, das heute in Schloss Köpenick ausgestellt ist und das Friedrich III. 1698, wiederum im Hinblick auf seine Rangerhöhung, in Augsburg bestellt hatte. Es bedeckte eine Schmalwand des Rittersaals. Gerade weil es von jeder Generation als sinnfälliger Ausdruck der preußischen Königswürde angesehen wurde, entging es in allen Not- und Kriegszeiten den üblichen Einschmelzungen. Die Sowjetunion hatte es 1945 als Kriegsbeute genommen, gab es jedoch 1958 an die DDR zurück. So könnte man sich in einem ersten Schritt durchaus vorstellen, in der nackten Kubatur des Rittersaals allein dieses Silberbuffet wieder angemessen zu präsentieren. Und auch in anderen Räumen ließe sich mit Hilfe von erhaltener Ausstattung eine Ahnung des ursprünglichen Eindrucks wiedergewinnen, etwa in der weiter westlich gelegenen Galerie, die zuletzt mit barocken Wandteppichen aus der Zeit des Großen Kurfürsten ausgestattet war, die sich heute wenig beachtet in Oranienburg befinden.Außer den barocken Paraderäumen sollten, seriöse Recherchen vorausgesetzt, die frühklassizistischen Königskammern aus der Zeit Friedrich Wilhelms II. und die Kronprinzenwohnung des späteren Königs Friedrich Wilhelms IV. für eine künftige Wiederherstellung ins Auge gefasst werden. Denn gerade das Beispiel des zwischen 1824 und 1827 nach Entwürfen Schinkels entstandenen Teesalons zeigt, dass präzise historische und kunsthistorische Kenntnisse unerlässlich sind, damit das Projekt eines Humboldt-Forums nicht in den Ruch von Geschichtsklitterung gerät. So ist derzeit allenthalben zu lesen, Alexander von Humboldt habe „seine Ideen beim behaglichen Zusammensein auf der Rundbank im Teesalon König Friedrich Wilhelms IV. erörtert, wo dieser regelmäßig mit ihm und mit Ranke, Schelling, Niebuhr sowie Schinkel zusammentraf“. Hier muss man freilich wissen, dass Humboldt auf dieser Rundbank, einem ebenfalls von Schinkel geschaffenen Möbel, nie gesessen haben kann, war sie doch allein der Königin und adligen Damen vorbehalten. Schon der König saß in einem Lehnstuhl, und für die Gäste mussten einfache Stühle genügen. So eindrucksvoll uns das Bild eines in der strengen architektonischen Form des Halbkreises versammelten und zusammengefassten Kreises hochrangiger Künstler und Gelehrter, vereint mit dem königlichen Ehepaar, auch erscheinen mag – mit der Realität hat es nichts zu tun.Peschken erklärt sogar, die Bank befinde sich heute in der Schweiz und fordert zu ihrem Rückkauf auf. Diese Behauptung ist frei erfunden. Tatsächlich gilt, dass sie spätestens seit dem Umbau des Raumes 1889 unter Wilhelm II., der ihn dreifach unterteilte, verschollen ist. Schon in den Zwanzigerjahren, als die Schlösserverwaltung den Raum in den Zustand Schinkels zurückversetzte, war es ihr trotz intensiver Recherche nicht mehr gelungen, die Bank aufzufinden. Sie muss nach wie vor als verschollen gelten.Dass eine Bank, die es nicht mehr gibt und deren Bedeutung weit überschätzt wird, derzeit mehr Aufmerksamkeit erlangt als etwa das Silberbuffet, das mehrere Kriege überstanden hat, von der Sowjetunion großzügig zurückgegeben wurde und das man durchaus als kunstgewerbliches Pendant zu Schlüters Fassaden interpretieren darf – dies zeigt, wie wenig bisher darüber diskutiert und recherchiert wurde. Die nun bevorstehende Errichtung des Humboldt-Forums im Berliner Schloss muss ein Anstoß werden, die bisherige Forschung zu den Innenräumen, ihrer historischen Ausstattung und ihrer Nutzung zu intensivieren. Ein „Schaufenster des Weltwissens“, das ein mangelndes Verständnis für die eigene Geschichte und Kultur an diesem Ort offenbart, wäre wenig überzeugend. Der Autor ist Kunsthistoriker und gilt als bester Kenner des Berliner Schlosses in der jüngeren Generation. Er schrieb das Standardwerk „Das Berliner Schloss. Der Umbau durch Andreas Schlüter“ (Siedler Berlin 2003) sowie „Das Berliner Schloss – mehr als nur Fassade. Die verlorenen Innenräume des Berliner Schlosses und die Möglichkeiten der Rekonstruktion zerstörter Raumkunst nach 1945“ (Deutscher Kunstverlag München/Berlin 2006).

Autor: Guido Hinterkeuser
Die Welt, 10.08.2007