Weltweite Zeitenwende
Gastkommentar
Von Volker Hassemer
Die Pläne für ein an die Wende 1989 erinnerndes Denkmal haben in den letzten Wochen den entscheidenden politischen Rückenwind bekommen. Das ist sehr gut im Vorfeld des Jahres 2009, wenn sich der Fall der Mauer zum 20. Male jährt.
Mit Recht belebt sich nun auch die Diskussion zum Ort für dieses Denkmal. Dabei zeigt sich, dass eine solche Diskussion nur zu führen ist, wenn sie sich auf eine präzise Definition der Botschaft des Denkmals stützen kann. Das sieht man vor allem, wenn auch die Schlossfreiheit auf der Spreeinsel als ein möglicher Standort genannt wird.
Das ist ein guter Vorschlag, denn wichtig genug, um ganz im Zentrum der Stadt zu stehen, ist dieses Denkmal ohne Zweifel.
Entscheidend aber ist es gerade an diesem Standort, sich die Nachbarschaft bewusst zu machen, in der das Denkmal zukünftig stehen würde. Zurzeit fällt dort nämlich vor allem der Abriss des Palastes der Republik in Auge. Zukünftig aber ist der Nachbar das Humboldt-Forum, das auf dem bisherigen Schlossareal seinen Standort finden wird.
Dieses Humboldt-Forum, wenn es seinen Namensgebern wirklich gerecht werden will, wird mehr sein als ein Museum. Aber schon der Umzug der Dahlemer Museen mit ihren Schätzen von Südamerika über Afrika bis Asien macht eins klar: Dies wird nicht eine nur Berliner, noch nicht einmal eine nur deutsche oder europäische Einrichtung werden. Es wird ein Haus sein, das sich den Kulturen der Welt öffnet. Das diese Kulturen einlädt, in der Mitte der Mitte Berlins angeregt und beteiligt zu sein, mit Interesse füreinander und Respekt voreinander in Kontakt zu kommen. Es ist eine große Leistung und mehr als eine Geste Deutschlands, den Namensgebern Alexander und Wilhelm von Humboldt folgend, seinen zentralsten Ort nicht für sich selbst, sondern für den Dialog der Kulturen der Welt zur Verfügung zu stellen.
Für das Denkmal bedeutet dies: Dieser Standort würde alle Beteiligten ermuntern, er würde allen Beteiligten geradezu abverlangen, den Fall der Mauer als das zu verstehen und in die Erinnerung zu rufen, was er wirklich war: das sichtbarste Zeichen einer Wende von globaler Dimension: Nicht nur die Mauer fiel 1989, der ganze „Eiserne Vorhang“ hatte ausgedient. Das zentralistische Machtsystem, mit Auswirkungen in viele Teile der Welt, brach zusammen. Es war das Ende der in zwei feindliche Blöcke aufgeteilten Welt. Es war der Beginn einer Freiheit, die ganz neue Chancen von Begegnung, von Kooperation weltweit eröffnete.
Das alles heißt auch: Bei einer vornehmlich auf Deutschland bezogenen Sinngebung des Denkmals würde der Standort neben dem Humboldt-Forum mit Fragezeichen zu versehen sein. Ja, in dieser Nachbarschaft wäre ein auf ein nur deutsches Ereignis bezogenes Denkmal fehl am Platz.
Selbstverständlich braucht es die Erinnerung an die Leistungen und die Entwicklungen in Deutschland und Europa, die zur Wende 1989 führten. Aber auch dies waren nicht nur nationale und es waren eben auch nicht nur europäische. Der Fall der Mauer in seiner Wirkung und in seiner Ermöglichung hat Ursachen und Verdienste, zu denen nationale und europäische in allererster Linie gehören. Aber sie beschränken sich nicht darauf.
Die Wahl des Ortes hat also viel zu tun mit dem Verständnis davon, für was das Denkmal stehen sollte. Hätte es insbesondere nationalen Charakter, wäre eher ein Standort in der Nähe des Reichstags angemessen. Der Schlossplatz kommt erst ins Spiel, wenn das Denkmal für eine weltweite politische Zeitenwende stehen soll. Und das ist ihm zu wünschen.
Der Autor war Senator für Stadtentwicklung, Umwelt und Kultur unter Eberhard Diepgen, von 1996 bis 2002 Geschäftsführer „Partner für Berlin“. Jetzt ist er Vorstandsvorsitzender der privaten Stiftung „Zukunft Berlin“.
Berliner Morgenpost, 07.11.2007
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