Welche Glanzlosigkeit der Hütte
Städtebaulich intelligent, ästhetisch nicht überzeugend: Der italienische Architekt Francesco Stella wird das Humboldt-Forum bauen.
Von Jens Bisky
Francesco Stella hat mit einem übergeometrisiert wirkenden Entwurf den Wettbewerb für den „Bau des Humboldt-Forums im Schlossareal Berlin“ für sich entschieden.
Der Name Francesco Stella sagte bisher auch Kennern zeitgenössischer Architektur wenig. Nun aber hat der Baumeister aus Vicenza den internationalen Wettbewerb für den „Bau des Humboldt-Forums im Schlossareal Berlin“ gewonnen.
Nachdem die Juroren bis in die letzten Tage in Interviews und Artikeln über die Ausschreibung gestritten haben, konnten sie sich überraschenderweise einstimmig auf Stellas Entwurf einigen. Mehr noch: Sie sind von ihrer Wahl so überzeugt, dass sie keinen zweiten Preis vergaben, wohl aber vier dritte Preise, und zwar an: Eccheli e Campagnola Architekten aus Verona, Christoph Mäckler aus Frankfurt, Kleihues und Kleihues sowie Kollhoff Architekten aus Berlin. Zwei weitere Arbeiten wurden angekauft. Die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi hielten sich nicht in jedem Punkt an die Vorgaben, wollten statt der Kuppel einen Glasbau über dem Forum errichten – und erhielten dafür einen Sonderpreis.
Vorschriftsmäßig
Ab der kommenden Woche wird eine Ausstellung Gelegenheit bieten, all die Entwürfe – dreißig von 85 hatten es in die zweite Wettbewerbsphase geschafft – genauer zu studieren. Nach erster rascher Musterung kann man der Jury nur beipflichten. Sie hat Recht daran getan, Francesco Stella zu prämieren. Sein Entwurf ist der überzeugendste.
Aber die Euphorie des Bundesbauministers und der künftigen Nutzer – der Preußenstiftung, der Humboldt-Universität, der Landesbibliothek – wird man kaum teilen können. Der Siegerentwurf besticht zwar durch städtebauliche Intelligenz, erschließt wirklich neue Räume und Wege. Er verzichtet – im Unterschied zu manchem Drittplatzierten – auf triumphale Gesten, grelle Effekte. Aber ästhetisch vermag er nicht zu überzeugen. Seine Qualität ist es, viele Fehler zu vermeiden. Eigene Plausibilität, die Kraft gelungener Gestalt gewinnt er dadurch nicht.
Die barocken Fassaden werden, wie vorgeschrieben, an drei Seiten rekonstruiert, ebenso drei Portale. Der Grundriss folgt an wichtigen Stellen dem historischen, sodass die Wiederherstellung früherer Prachträume – etwa der Paradekammern – zumindest nicht ausgeschlossen ist. Diese Aufgabe kann man getrost kommenden Generationen überlassen.
An der Spreeseite will Stella eine so aufwändige wie eintönige Fassade aus offenen Loggien errichten. Wer durch das Hauptportal unter der Kuppel eintritt, dann die drei Höfe passiert hat, kann hier herumklettern und über die Spree und das Marx-Engels-Forum Richtung Alexanderplatz schauen. Es gibt dafür keine Notwendigkeit, aber man möchte darauf wetten, dass die frischlufthungrigen Berliner und ihre Gäste sich gern hier tummeln werden. Die Fassade erinnert im Entwurf allerdings an sozialen Wohnungsbau der überkandidelten Art.
Nicht allein in der ost-westlichen Hauptrichtung, auch zwischen den Portalen der Nord- und Südseite hat Stella eine Verbindung vorgesehen: einen eigenen, vergleichsweise schmalen Hof, das Schlossforum. Oft ist die Sorge geäußert worden, der Riesenkasten könne als Riegel wirken, Stadträume voneinander scheiden. Das wäre, wenn der Siegerentwurf gebaut wird, nicht der Fall.
Triumph des Rasters
Mit der Juryentscheidung tritt der zäheste Architekturstreit der Berliner Republik in seine nächste Phase. Viele Begriffsgespenster sind in dem Streit um alt oder neu, Schlüter oder Gegenwart aufgerufen worden. Francesco Stella ist es immerhin gelungen, dass die rekonstruierten Fassaden nicht wie angeklebt oder wie vor das Gebäude gestellte Kulissen wirken müssen. Er hat, so der Juryvorsitzende Vittorio Lampugnani, alles „in ein Ganzes eingebettet“, eine „neue Authentizität“ geschaffen. Hart lässt Stella, etwa im Schlüterhof, die plastisch durchgebildeten Fassaden auf seinen geometrische Rigorismus treffen. Er bemüht sich nicht um Vermittlung, auch nicht um schale Kontrasteffekte.
Der Triumph des Rasters, das den gesamten, übergeometrisiert wirkenden Entwurf prägt, hat gute Gründe für sich. In der barocken Baukunst fand schließlich das Zeitalter des Rationalismus einen Ausdruck. Verbunden ist damit untrennbar die größte Gefahr eines solchen, alt und neu mischenden oder ineinander bildenden Vorhabens. Das Gebäude wirkt, soweit die Entwurfszeichnungen ein erstes Urteil zulassen, steril. Der sinnliche Appell, den Schlüters Fassaden noch auf Fotografien besitzen, wird eingefroren, leblos.
Die Schlossfreunde haben zu Beginn des Jahrzehnts gewonnen, weil sie ein lockendes Bild besaßen, das Traumbild einer wiedergewonnenen Stadtlandschaft. Jetzt gibt es einen Entwurf, zu dem man sich entschließen muss, der von sich aus wenig Werbendes, Einnehmendes besitzt. Vieles wird davon abhängen, mit welchen Materialien gebaut und wie der plastische Schmuck hergestellt wird.
Die Eile des Bundesbaumisisters, der 2014 das Humboldt-Forum eröffnen will, verheißt da nichts Gutes. Auch den Plänen des Forum fehlt Überzeugungskraft, sie scheinen sich in vielen großen Worten zu erschöpfen. Man macht nichts falsch, wenn man Stellas Entwurf baut, aber es wird wohl ein glanzloses Unternehmen bleiben, verpflichtet dem Minimalismus der Erschöpfung.
Süddeutsche Zeitung, 29.11.2008
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