Welche Folgen hat die Verschiebung des Stadtschloss-Baus?
Es war eine Entscheidung, die sich langsam angedeutet hat. Schon während der vergangenen Legislaturperiode machten erklärte Schlossgegner mobil und versuchten, die Entscheidung für den 552 Millionen Euro teuren Bau zu torpedieren. CDU- und FDP-Schlossgegner arbeiteten auch während der schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen darauf hin, das Projekt nicht mehr zu erwähnen. Einer, der schon als CDU-Haushälter dagegen war, wechselte als Staatssekretär ins Bundesfinanzministerium: Steffen Kampeter. Doch die Rechnung machten die Schlossgegner ohne die Kanzlerin. Angela Merkel bekannte sich in ihrer Rede zur Eröffnung des Neuen Museums im vergangenen Oktober klar zum Stadtschloss. Sie setzte durch, dass das Humboldt-Forum im Koalitionsvertrag doch noch Eingang fand. Das verärgerte die Schlossgegner enorm. Sie warteten nur auf eine Gelegenheit, das Projekt wieder zur Disposition zu stellen. Das passierte jetzt, denn das Bundesfinanzministerium arbeitete an der Streichliste für die Sparklausur der Bundesregierung mit. Nun wurde schon vor Beginn der Klausur bekannt, dass sich die Spitzen von Union und FDP darauf verständigt haben, den geplanten Bau auf dem Schlossplatz zu verschieben – auf unbestimmte Zeit.
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Was passiert mit den laufenden Arbeiten?
Eine Vollbremsung bei Höchstgeschwindigkeit: Bis Ende des Jahres wollte das Team von 60 Architekten und Planern rund um Franco Stella die Entwurfsplanung vorlegen, die eine detaillierte Zeichnung des Gebäudes im Maßstab eins zu hundert enthält – damit hätte man loslegen können beim Bau. Aber was ist, wenn alles nun auf unbestimmte Zeit verschoben wird: Ist diese Planung dann Makulatur? Stehen die Architekten und Planer sofort auf der Straße? Oder wird die laufende Planung vernünftigerweise noch zu Ende geführt, nicht wissend, ob es jemals ein Schloss geben wird? Auch die gerade erst ins Leben gerufene „Stiftung Berliner Schloss“, die Bauvorhaben und Spendenaufkommen koordinieren soll, dürfte erst mal ins Leere laufen. Auch wenn der Beschluss des Bundestags zum Bauvorhaben so lange steht, bis ein neuer Beschluss des Parlaments ihn aufhebt: Eine Bauplanung mit ungewissem Zeitplan ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Wer ein noch gravierendes Problem haben dürfte, ist Wilhelm von Boddien mit seinen Schlossfreunden. Wie soll er achtzig Millionen Euro für eine Fassade sammeln, von der nicht sicher ist, wann und ob sie je entsteht? Die schon jetzt nicht gerade üppig fließenden Spendengelder wird eine solche Unsicherheit erst recht versiegen lassen. Am Ende gibt es vielleicht ein Schlossmuseum – mit den schon gefertigten, dann aber nicht mehr benötigten Fassadenteilen.
Werden 440 Millionen Euro gespart?
Nein. Der Bund sollte 440 Millionen zu dem 552-Millionen-Euro-Projekt dazusteuern, das Land Berlin 32 Millionen Euro und 80 Millionen Euro sollte der Förderverein finanzieren. Aber der Bund spart nicht 440 Millionen Euro ein. Denn: Nur 14 Millionen Euro werden in diesem Jahr gebraucht, da sich die Bauzeit ohnehin um drei Jahre bis 2017 verlängert hätte. Im nächsten Jahr würde die Stiftung auch nur 25 Millionen statt der ursprünglich im Budget festgelegten 70 Millionen Euro ausgeben. Teurer wäre es nach den bisherigen Planungen erst in den Jahren 2013 und 2014 geworden, wenn die Bauarbeiten losgegangen wären. Je 150 Millionen Euro waren jährlich im Etat dafür eingeplant.
Wird überhaupt gespart?
Nicht wirklich. Mit dem Sparbeschluss entstehen neue Kosten. Zum Beispiel, um die maroden Dahlemer Museen dafür fit zu machen, die außereuropäischen Sammlungen, also beispielsweise afrikanische Masken, asiatische Kunstwerke oder Südsee-Boote, noch länger zu beherbergen. Langfristig billiger wird es erst recht nicht, wenn man das Schloss ganz „einspart“. Dann müsste man nämlich die Museumsbauten in Dahlem grundlegend sanieren, die schon lange nicht mehr angemessen gepflegt wurden. Die anfallenden Kosten sind einst auf 300 Millionen DM geschätzt worden, heute, darauf hat André Schmitz gerade hingewiesen, darf man diesen Betrag getrost in Euro übersetzen. Eine Umrüstung der Museen in Richtung der Idee eines Humboldt-Forums dürfte noch einmal teurer kommen. Allein schon der Etat für eine zeitgemäße Ausstellungsorganisation und -betreuung dürfte beträchtlich sein. So gesehen, ist auch das Schloss-Projekt immer eine Mogelpackung gewesen. Zwar sind 552 Millionen Euro für die Erbauung des Hauses eingeplant, jedoch steht kein eigener Etat für die Bespielung des Gebäudes zur Verfügung. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die schon mit den erhöhten Betriebskosten der restaurierten Museumsinsel erheblich zu kämpfen hat, dürfte ein funktionierendes Humboldt-Forum erst Recht in erhebliche Schwierigkeiten stürzen.
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DER TAGESSPIEGEL, 06.06.2010
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