Von vornherein verbaut

Von vornherein verbaut

Die geheime 2. Fassung der Machbarkeitsstudie: Der Schlossbau kann 1,2 Milliarden Euro kosten
von Nikolaus Bernau

Diese Explosion ist selbst in Berlin ungewöhnlich: In nur zwei Wochen stiegen die Kostenschätzungen für das Humboldt-Forum mit barocker Schlossfassade von 590 Millionen Euro über 900 Millionen auf derzeit 1,2 Milliarden Euro. Wir erinnern uns an die Asbestsanierung des Palastes der Republik, an das Tempodrom und die Akademie der Künste. Dass aber die Annahmen für Neubaukosten schon vor der Freimachung des Baugrundes – hier also dem Abriss des Palastgerüstes – jedes Maß überschreiten, das ist selbst in dieser Stadt einzigartig.

Genau das aber steht in der auf den 30. August datierten zweiten Fassung jener „Machbarkeitsstudie“ für den Nachfolgebau von Palast und Schloss, deren Kurzfassung Bundesbauminister Manfred Stolpe bereits am 24. August vorgestellt hat. Das seither streng geheim gehaltene vollständige Papier liegt dieser Zeitung nun vor.

Verfasst wurde es von dem Marktforschungsbüro BulwienGesa, den Projektentwicklern Berendes und Partner und den Architekten Hemprich und Tophof im Auftrag der Berliner Senatsbauverwaltung und des Bundesbauministeriums. Letzteres bestand auf der Geheimhaltung, weil hier wettbewerbsrelevante Zahlen zu lesen seien. Man sucht sie ebenso vergeblich wie die von Stolpe behaupteten 1000 Seiten: Die Studie hat knapp 150 Blätter. Die Öffentlichkeit wurde getäuscht, als Stolpe, Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Kulturstaatsministerin Christina Weiss behaupteten, nun sei die Finanzierung des Neubaus „realisierbar“.

Sie verschweigen alles, was nicht passte. So bemerken die Gutachter, dass der Neubau mit 517 Millionen Euro am billigsten käme, wenn er direkt vom Staat und nur als Humboldt-Forum gebaut würde. Stolpe hingegen erwähnte nur die von seinem Ministerium seit jeher bevorzugte Finanzierung als „Public-Private-Partnership“ – also durch zinsträchtigen Mietkauf – und eine kommerzielle Teilnutzung des Geländes. Verbreitet wurden dazu Zahlen von 17 bis 30 Millionen Euro, die auf 30 Jahre an einen privaten Investor als „periodisches Entgelt“ (Pressemitteilung) zu zahlen seien. Das wären im schlimmsten Fall – wann allerdings wäre dieser in Berlin je vermieden worden? – 900 Millionen Euro Finanzierungskosten.

Doch in der vollständigen Fassung liest man von einer „Liquiditätsbelastung in Höhe von 30 bis 30 Millionen Euro“. Die Finanzierungskosten könnten also auf wenigstens 1,2 Milliarden Euro steigen. Das Humboldt-Forum würde mit weitem Abstand das teuerste öffentliche Gebäude, dass in Deutschland je errichtet würde.

Und die Risiken sind groß, wie kürzlich deutlich wurde, als die Architektengruppe Urban Catalyst die erste Fassung der Studie öffentlich machte (siehe Berliner Zeitung vom 6.9.). Die Gutachter listen auf fast jeder Seite Fallen auf: Angesichts der nur von wenigen Firmen zu finanzierenden Bausumme könne ein wirklicher Investoren-Wettbewerb nicht garantiert werden. Der berüchtigte Berliner Baugrund sei unkalkulierbar, ebenso die Kosten für den Abriss der „Schwarzen Wanne“, der entgegen den bisherigen Aussagen Stolpes notwendig sei; Tiefbaufachleute schätzten ihn in dieser Zeitung auf bis zu 40 Millionen Euro. Die U-Bahn müsse möglicher Weise neu geplant werden. Das Finanzierungsmodell rechne mit niedrigen Zinsen.

Korrekter Weise sollte man die „Machbarkeits“- in „Risikostudie“ umbenennen. Bisher wurde das Humboldt-Forum immer mit 590 Millionen kalkuliert. Auf dieser Grundlage hatte der Bundestag 2002 für den Bau und die Rekonstruktion der Schlossfassaden plädiert. Die dafür geschätzten 80 Millionen Euro versprach der unermüdliche Wilhelm von Boddien mit Spenden zu finanzieren.

Die Gutachter halten zwar weiterhin die reinen Baukosten auf 670 Millionen für realistisch. Doch für diesen Preis soll nur noch knapp die Hälfte der einst geplanten Nutzungsfläche für das Humboldt-Forum entstehen. Den Rest des Geländes, bisher für kultur nahe Kommerzaktivitäten verplant, sollen nun ein Hotel und eine Großgarage einnehmen. Für die gebe es aber keinen wirklichen Markt. Auch das verschwieg Stolpe. Ebenso, dass die Kosten für die Barockfassaden nun zu denen gerechnet werden, die die Gesellschaft tragen solle. Denn Boddien kann bisher nur 10 Millionen unverbindliche Spenden-„Zusagen“ für die Rekonstruktion vorweisen.

Aber auch städtebaulich sind die Ergebnisse der so unkritisch von den überregionalen Medien bejubelten Machbarkeitsstudie erschreckend: Die weltbedeutenden außereuropäischen Sammlungen sollen vor allem in Tiefkellern gezeigt werden. Und das Luxushotel soll als gewaltige Kammstruktur an der Spree errichtet werden, so dass alle Zimmer Licht erhalten. Um groß genug zu sein, muss der Bau über die historischen Kanten des Schlosses hinausragen, so breit werden, wie der Palast der Republik. Das so genannte „Schloss“ würde sich so aber zur Spree städtebaulich als Hinterhofanlage präsentieren. Da ist die modernistisch-breite Ostfassade des Palastes eine geradezu geniale Lösung. Angesichts solcher Vorschläge werden skeptische Stimmen lauter. Der CDU-Kulturexperte Norbert Lammert bezweifelte in dieser Zeitung, dass die Machbarkeitsstudie angesichts der Haushaltsnöte zur Realisierung des Humboldt-Forums weise. Nun forderte die Bau- und Haushaltsexpertin der Grünen, Franziska Eichstädt-Bohlig, dass der Abriss des Palastes der Republik aufgeschoben werden müsse.

Tatsächlich ist ein Moratorium des Palastabrisses unumgänglich. In diesem Monat sollen der Abriss ausgelobt, im Dezember die Verträge unterschrieben werden. Doch durch diverse Nachfolgebeschlüsse und Machbarkeitsstudien sind inzwischen sämtliche Grundlagen des Bundestagsbeschlusses 2002 hinfällig: Die Nutzung hat sich völlig verändert, die Kosten sind unkalkulierbar, der Zeitrahmen ist surreal geworden.

Die Parlamente müssen neu entscheiden, wenn es nicht mehr um 590 Millionen, sondern um 1,2 Milliarden Euro geht und zudem das bankrotte Berlin ein Viertel der Kosten tragen soll. Um aber entscheiden zu können, muss eine Alternative vorhanden sein. Die einzige derzeit bekannte heißt Ausbau des Palastes der Republik. Der wäre für 60 Millionen Euro zu haben. Aber dafür muss das Gebäude noch stehen, wenn der neue Bundestag und das Berliner Abgeordnetenhaus debattieren.

Berliner Zeitung, 08.09.2005