Vom Gewicht der Vergangenheit
Immer, wenn wir Deutschen unsere wiedergewonnene Einheit feiern, vermodert die Deutsche Demokratische Republik auf dem Müllhaufen der Geschichte. Doch die zu Grabe getragene Vergangenheit wirft noch immer lange Schatten. Dass sie die Köpfe der ewig Gestrigen vernebelt, ist zu verkraften. Schwerer wiegt da schon, dass das kulturell vernachlässigte Erbe den Deutschen bis heute, finanziell und politisch, zu schaffen macht. So wird es noch Jahre dauern, bis die vom Krieg arg in Mitleidenschaft gezogene und von der DDR dem Verfall überlassene Museumsinsel vollständig saniert ist. Zu den Berliner Besonderheiten zählt auch, dass über die Restaurierung der zum Weltkulturerbe gehörenden Museumsinsel genauso heftig gestritten wurde wie über den geplanten Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses.
Denn an die Stelle des von Walter Ulbrichts Räumkommandos 1950 gesprengten Hohenzollernschlosses hatten die DDR-Oberen sich einen Palast der Republik gebaut. Eine architektonische Scheußlichkeit, an dem die nostalgische Seele vieler Ostdeutschen hängt. Erst nach zähen Debatten beschloss der Deutsche Bundestag im Jahre 2002, den asbestverseuchten Bau des Palasts der Republik abreißen und das Schloss der preußischen Herrscher unter dem Namen „Humboldt-Forum“ wieder aufbauen zu lassen.
Der gigantische Neubau, darüber herrscht Konsens, soll im Inneren die architektonische Sprache der Gegenwart sprechen und ein Zweckbau werden, der staatlichen Bibliotheken und ethnologischen Sammlungen eine Heimstatt bietet und, mit Restaurants und Läden, die modernen Freizeitbedürfnisse befriedigt. Bis auf die zur Spree gelegene Ostseite soll die Außenhülle des „Humboldt-Forums“ aber im barocken Glanz erscheinen und der Fassade des alten Berliner Stadtschlosses gleichen.
Auf den Bundestagsbeschluss aber folgte erst einmal – fast – gar nichts. Erst seit einigen Monaten kommt wieder Bewegung in die Sache, wird hinter dem schmuddeligen Bauzahn gearbeitet. Bis 2010 soll der Palast-Abriss beendet, bis 2013 dann das „Humboldt-Forum“ fertig gestellt sein, das Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee jüngst als „Schaufenster des Weltwissens“ und als einen „Ort der Begegnung der Kulturen“ bezeichnete, der zusammen mit der benachbarten Museumsinsel ein „Universum der Künste“ bilden werde.
Klingt ein bisschen vollmundig. Denn bisher weiß niemand, wie das „Humboldt-Forum“ im Inneren aussehen wird. Ein Architekturwettbewerb soll erst im November ausgeschrieben werden, erst dann wird der Bundestag endgültig die finanziellen Mittel frei geben. Das Bundesbauministerium soll bis 7. November ein genaueres Finanzierungskonzept vorlegen. Bisher hatte es die Kosten für den Bau des Stadtschlosses mit 480 Millionen Euro angegeben. Nach Vorwürfen, der Neubau werde teurer als geplant, stellte Tiefensee jüngst klar, dass die Baukosten eingehalten werden. Für die Ausstattung müssten allerdings die Nutzer selbst sorgen: Der Bundestag habe „ein Gebäude bestellt und keine Möbel“. Und weil es Bedenken gegen den knappen Zeitrahmen des Vorhabens gibt, sagte Staatsminister Bernd Neumann vor ein paar Tagen beim Richtfest des Neuen Museums: „Es gibt keinen Zweifel daran, dass diese Bundesregierung das Berliner Schloss mit dem Humboldt-Forum zügig aufbauen wird.“
Dabei ist der Bund gar nicht der einzige Geldgeber. Er beteiligt sich an den veranschlagten 480 Millionen Euro allerdings mit 368 Millionen, das Land Berlin mit 32 Millionen, und ein von Wilhelm von Boddien gegründeter Förderverein will 80 Millionen Euro zuschießen. Die privaten Spendengelder sollen ausschließlich der Rekonstruktion der Fassade dienen. Zwar hat der Verein erst knappe 15 Millionen gesammelt, Boddien ist sich aber sicher, die Summe aufbringen zu können und erinnert an die Dresdner Frauenkirche: „Das Geld kam, als die Leute sahen, was sie für ihr Geld bekommen.“
Bis sie in Berlin etwas sehen, wird es aber noch dauern. Es sei denn, die Spendenwilligen besuchen die Berliner Werkstätten, in denen Bildhauer und Steinmetze schon eifrig damit beschäftigt sind, Fassaden-Elemente herzustellen. Zwar lagern noch viele der Skulpturen des gesprengten Schlosses in Museumsdepots. Die Steine der Gesimse aber, die Fenster, Säulen und Kapitelle gingen weitestgehend verloren und müssen, weil die originalen Baupläne verschollen sind, nach alten Fotografien rekonstruiert werden. Zum Beispiel in der Berliner Werkstatt von Bildhauer Matthias Körner. Dort werden jetzt schon Prototypen für die gewaltigen Portale und Ornamente, Wappen, Konsolen und Figuren modelliert. Das Projekt, schätzt der von Boddiens Förderverein bezahlte Bildhauer, werde etwa 80 Bildhauer brauchen. Und selbst, wenn das Forum 2013 fertig sein sollte, könnten laut Körner die Fassadenarbeiten noch jahrelang andauern. „Wenn wir dieses Schloss sehen, werden wir sehen, woher wir kommen.“ Wie schön. Hoffentlich wissen wir dann auch, wohin wir wollen.
Mannheimer Morgen, 06.10.2007
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