Und was wird aus Dahlem?

Und was wird aus Dahlem?

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Geht es nach den Kulturpolitikern des Bundestages, wird das Stadtschloss gebaut ohne Wenn und Aber, also ohne Zeitverzögerung und noch in dieser Legislaturperiode. Darin waren sich gestern die Vertreter aller Parteien im Kulturausschuss einig, allen voran die CDU mit ihrer Ausschussvorsitzenden Monika Grütters. Sie erinnerte daran, dass das Parlament über den Haushalt entscheidet und nicht das Kabinett. Sie hatte den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, zu Gast, der sein Konzept für das Humboldt-Forum vorstellte. Als die Einladung herausgangen war, lag der Sparvorschlag der Regierung noch nicht vor, war das Schloss noch nicht als Symbol des Kultursparens ins Auge gefasst, der Baubeginn für das 550-Millionen-Euro-Projekt noch nicht auf 2014 verschoben. Parzinger nutzte seine Chance vor den Kulturpolitikern und warb in einer leidenschaftlichen, ja furiosen und dennoch klaglosen Weise für sein Humboldt-Forum, das einmal die reichsten völkerkundlichen Sammlungen der Welt präsentieren soll.

Die meisten Politiker zeigten sich begeistert. Wolfgang Thierse (SPD) stellte staunend fest, dass es nicht stimmt, dass über Idee und Inhalt des Humboldt-Forums noch nicht nachgedacht sei. Parzinger sagte, ihm begegne immer wieder eine ritualisierte Ahnungslosigkeit. Vor allem aber erlebe er, „wo immer ich bin, Faszination über die Tatsache, dass Deutschland seinen zentralen Platz für die Kulturen der Welt reservieren will. Diese Chance sollten wir nicht verspielen.“

Und jetzt mal konkret: Kann er einschätzen, wie dramatisch und wie teuer die Verzögerung wird? Parzinger erklärte, die Planungen seien im Wesentlichen abgeschlossen, die Kooperation mit dem Architekten sei konstruktiv. Über die Kosten wolle er nichts Unseriöses verbreiten, aber so viel: 300 Millionen DM Sanierungskosten waren in den 90er-Jahren vorgesehen, 2002 kam es mit dem Beschluss zum Schlossbau zum Stopp aller Projekte. Gerade fließen 15 Millionen Euro in Brandschutz und Bauerhaltung, nicht etwa in Raumästhetik. Sollte sich der Umzug aus Dahlem auf 2022 verzögern, brauchte es neue Gutachten. Würden die Sammlungen in Dahlem bleiben, müsste man mit 200 Millionen Euro Sanierungskosten rechnen. Je später, desto teurer.

200 Millionen für Dahlem – solche Zahlen sitzen. Und Parzinger nutzt die Situation, dann doch noch mal daran zu erinnern, dass hier gerade das größte kulturpolitische Projekt geplant werde. Einfach nebenbei. Und ihm sei für diese Arbeit keine halbe Hilfskraft zusätzlich genehmigt worden. Seit 1996 seien die Zuwendungen nicht erhöht worden. Alle Arbeit passiere zusätzlich, „und jetzt sind wir wieder auf dem Stand von 2007.“
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Berliner Zeitung, 10.06.2010