Und hinter jedem Schloss ein Riegel

Und hinter jedem Schloss ein Riegel

Von Peter Richter

In Berlin ist nun also am Freitag entschieden worden, wer das Stadtschloss wieder aufbauen darf. Alle sind sehr glücklich mit der Entscheidung. Am allerglücklichsten über die Entscheidung war aber mit Abstand Ingo Zamperoni, der in der ARD das Nachtmagazin moderiert. Denn Zamperoni konnte so endlich einmal unter Beweis stellen, wie schön sein Italienisch klingt. Begeistert fragte er den Architekten Francesco Stella, wie überrascht und glücklich er sei über die Aufgabe im fernen Berlino. Stella schien kein bisschen überrascht, und wenn er glücklich war, dann auf eine sehr strenge und rationalistische Weise; großer Überschwang, so viel wurde hier schon mal klar, ist von dem Mann nicht zu erwarten. Er antwortete einsilbig; man sah, dass er fror. Auch Vicenza kann ganz schön kalt sein im Winter. Ein leiser Mann stand da und hielt sich den Mantel zu; beinahe sah es so aus, als läge da etwas durchaus Sorgenvolles in seinem Blick. Immerhin Zamperoni blieb unbeirrt euphorisch.

Wolfgang Tiefensee freute sich ebenfalls. Darin stand ihm der Kulturstaatsminister Neumann kaum nach. Vittorio Magnano Lampugnani, der der Jury vorgesessen hatte, sagte, er sei nun froh. Und auch Wilhelm von Boddien, der Initiator des Schlossneubaus, war sehr, sehr glücklich. Und wir?

Wer ist überhaupt dieser Stella?

Wir erklären jetzt auch einfach mal, dass wir sehr, sehr, SEHR glücklich und zufrieden seien mit dieser Entscheidung. Wir wollen, dass das jetzt so gebaut wird, und dann wollen wir bitte nie, nie, NIEMALS wieder irgendetwas davon hören. Schluss mit der Schlossdebatte, wir können es nicht mehr hören, wir haben auch noch anderes zu tun.

Gern wären wir wie die Kollegen, die das immer so vorbildlich draufhaben: dieses Strammstehen, sobald es vom Schlossplatz her tönt. Auch wir wollen uns ja gerne um den nötigen staatsbürgerlichen Ernst bemühen. Aber wenn wir mal ehrlich sind – wissen Sie, was wir hier in der Redaktion gedacht haben, als am Freitagnachmittag das Siegermodell enthüllt wurde?

Ach was, haben wir gedacht.

Und: Wer ist überhaupt dieser Stella? Zuerst klang es wie Frank Stella, der Künstler; der hatte ja tatsächlich auch schon mal einen Bau entworfen, ein Museum für die Sammlung Hoffmann in Dresden, der durfte dann aber nicht gebaut werden, weil er zu bunt und überkandidelt war. Derartiges kann man von diesem Stella hier aber nicht behaupten. Vor allem die von ihm entworfene Ostfassade gab uns zu denken. Friedbert Pflügers Rache für die Schließung von Tempelhof, meinte ein Kollege. Und ein anderer fragte, ob das dieser Neubau an der Friedrichstraße sei, mit der Filiale von Douglas drin.

So viel zu den ersten Eindrücken. Natürlich erkennt man auch die Qualitäten, wenn man sich die Sache genauer anschaut, und natürlich ist speziell der uffizienartige Durchgangshof zwischen Lustgarten und dem eigentlichen Schlossplatz eine schöne Idee. Es lässt sich sogar das historisch Bedeutsame spüren, wenn nun verkündet wird, dass ein Schüler Aldo Rossis tun darf, was diesem in Berlin nicht mehr vergönnt gewesen ist, auch noch einer aus Vicenza, und das fast auf den Tag genau fünfhundert Jahre nach dem angenommenen Geburtsdatum von Palladio. Denn es ist ja eigentlich nicht so sehr eine Paraphrase auf den Barock Schlüters, was Stella da gezeichnet hat, es ist eher die gewaltsame Architektur des italienischen Manierismus, aufs Allernötigste heruntergerechnet.

Aber es hilft nichts, das erste Gefühl bleibt: diese leichte, verblüffte Enttäuschung. Und man hat den Eindruck, dass sich jetzt alle vor allem deshalb so tapfer glücklich reden, weil sie Angst haben, dass dieses Gefühl nicht weggehen wird – und mit jedem Baufortschritt womöglich sogar noch anwachsen. Wir hätten wirklich gern, dass jetzt endlich Ruhe ist, glauben aber natürlich selbst nicht dran.

An den ersten Faschismusvorwürfen wird zur Stunde mit Sicherheit schon geschrieben. Wer sich an den Wettbewerb um das Bundeskanzleramt erinnert, wo das Büro Krüger, Schuberth und Vandreike es gewagt hatte, mit einem vergleichbaren Aufgebot an strengen Pfeilern den zweiten Platz zu belegen, der weiß: Es wird fürchterlich werden. Weißhaarige Würdenträger werden ihre Fäuste schütteln. Männer in Schwarz werden wieder mit zitternden Händen die „Kubatur“ beschwören und vom Schloss als „Raumspender“ raunen, während die jungen Leute mit den kritischen Brillen die Geschichtsfälschung von Geschichtsfälschungen anprangern und Wilhelm von Boddien mit der Steuerfahndung drohen . . . Es wird alles so weitergehen wie in den letzten 15 Jahren. Mit einem Unterschied: Es wird noch schlimmer. Noch lähmender. Noch bekümmernder.

Uns hier könnte es im Prinzip egal sein. Wir kommen überwiegend aus Städten, die ihre Schlösser noch oder schon wieder haben. Seitdem der Beschluss erging, den Palast der Republik abzureißen, darf man sich aus einer geschichtlich und staatsbürgerlich begründeten Verpflichtung zur Anteilnahme hier entbunden fühlen. Das, was diesen Platz zu einem geschichtsstiftenden Ort für alle derzeit lebenden Deutschen gemacht hat, die Zusammenballung von erinnertem Hohenzollernschloss, dem Palast der Republik, der schließlich zum Symbol des Triumphes über diese angebliche Republik wurde mit einer sogenannten Volkskammer, die erst im Moment ihrer Selbstabschaffung souverän wurde: Das alles ist nun fort. Der Wiederaufbau des alten Schlosses ist eine Angelegenheit der Freunde des historischen Stadtbildes von Berlin, da haben schon die meisten Leute in Potsdam eigene Sorgen. Da aber der Bund das im Wesentlichen bezahlen soll und deswegen jede Menge Museen, Institutionen und vor allem nationale Sinnstiftung in die wiederzuerrichtenden Wände stecken möchte, ist ein Durcheinander entstanden, das einen ratlos macht. Auf eine inzwischen aggressive Art und Weise ratlos übrigens.

Hier sind fünfhundert Steinmetze für Sie

Der Wunsch nach dem Wiederaufbau des Schlosses entsprang dem Wunsch nach dem Wiederaufbau des Schlosses. Fertig. Er entsprang hingegen nicht dem Wunsch nach einem sogenannten Humboldtforum. Die Erfindung dieses Humboldtforums war ein Mittel zum Zweck. Das darf man sich bitte immer mal wieder bewusst machen, denn inzwischen drohen sich die Verhältnisse umzukehren. Vielleicht war es eben einfach kein besonders gutes Mittel für diesen Zweck. Am Anfang stand der Wunsch nach einem Bild, dem des Schlosses vor der Zerstörung. Diesen Wunsch muss man nicht teilen, aber nachvollziehen kann man ihn. Man kann ja auch nachvollziehen, dass die meisten Architekten heute an der Stelle lieber etwas Eigenes hingesetzt hätten und bis heute jammern, dass sie das nicht dürfen; Architekten jammern immer, das lernen sie im ersten Semester, kümmern muss das aber niemanden, die Welt ist schließlich nicht für die Architekten da, sondern umgekehrt.

Warum dann aber nicht gleich richtig? Warum sagt niemand: Herzlichen Glückwunsch, Herr von Boddien, Sie haben gewonnen, hier sind fünfhundert Steinmetze, und in dreißig Jahren sieht das Ding wieder aus wie vor siebzig Jahren – und dann hängen wir da die Alten Meister aus der Gemäldegalerie hinein? Warum müssen es stattdessen unbedingt die Kanus aus Dahlem sein? Aus schlechtem Gewissen? Als pädagogische Selbstgeißelung: Wenn schon böser europäischer Barock, dann nur mit außereuropäischen Sammlungen, egal wie das den beiden bekommt?

Mal sehen, wann sich die Direktoren der betroffenen Museen für sehr glücklich erklären. Die Ost-Berliner dürfen sich auf jeden Fall glücklich schätzen, dass ihnen jede Reminiszenz an den Palast der Republik und ihren Teil der Geschichte erspart geblieben ist. Ihre Schauseite besteht aus rigidem Raster, das kennen sie von den Plattenbauten, auch erinnert es an Setzkästen; auf italienischen Friedhöfen stellt man in so etwas Urnen hinein. Und die Freunde des Historischen können ja ihre Brillen abnehmen, wenn sie sich von Westen her nähern, dann verschwimmen vielleicht die kalten, harten Kanten und die industriellen Details.

Herrje. Man möchte jetzt schon alle gemeinsam mal in den Arm nehmen und trösten. Aber eigentlich waren wir ja fest entschlossen, uns zu freuen. Wir arbeiten noch dran.

FAZ, 29.11.2008