Temporäre Kunsthalle: Im Schlick der Geschichte

Temporäre Kunsthalle: Im Schlick der Geschichte

Um zwei Drittel ist die Deckenhöhe der Temporären Kunsthalle herabgezogen. Wo einst weiße Fläche den White Cube nach oben abschloss, ist bei knapp drei Metern Birkenfurnier angebracht. Da bricht es los: Ratatatatatamm links in der Ecke, tipptipptapp, tipp, tipp über die ganze Fläche, bambambambammm in der Mitte. Ein Stepptänzer bewegt sich zu Häuptern der Besucher quer durch den Raum. Irritiert folgt er mit Blick nach oben den Schritten, die er doch nur hören kann. Eine akustische Choreografie wird aufgeführt, ein blind date mit dem Tanz.

Das amerikanisch-kubanische Künstlerpaar Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla stellt die Kunstwelt auf den Kopf. Der Betrachter wird gleichsam ins Sockelgeschoss verfrachtet, wo er von der Performance über sich nichts sieht, die Kunst spielt sich oberhalb ab. Ob die beiden ahnten, dass sie nicht nur für die Baustellensituation rund um die Ausstellungskubus, der gegenüber vom künftigen Humboldtforum steht, eine großartige Metapher schufen: ein klaustrophobischer Warteraum, bei dem keiner weiß, wohin die Reise geht? Das Bild passt auch zur Situation der Kunsthalle selbst, die in den letzten Wochen weniger durch Ausstellungen als Personalien für Schlagzeilen sorgte. Nacheinander verabschiedeten sich die beiden Geschäftsführer, dann schmiss der Beirat hin.

Der neue Geschäftsführer Benjamin Anders wand sich bei der Pressekonferenz in dem Bemühen, kein Wort über das künftige Programm, den neuen Kurator über seine Lippen kommen zu lassen. Am 24. September gebe es die nächste Ausstellung, was sie zeigt, wer sie verantwortet, verriet der bisherige Marketingmann einer Mediamarkt-Kette nicht. Ein unseligerer Einstieg in die neue Ära der Kunsthalle ist kaum vorstellbar. Vertreter der Stiftung Zukunft Berlin, die als Träger im Hintergrund die Strippen ziehen, ließen sich nicht sehen. Auch Dirk Luckow, Kurator der Ausstellung von Allora & Calzadilla und Mitglied des vierköpfigen demissionierten Beirats, der bisher das Programm organisierte, wich Fragen aus: „Bei vielen Köchen wird es schwierig.“ Nun hat die Kunsthalle weder Koch noch Menü. Einem solchen Lokal bleiben irgendwann die Gäste aus.

(…)

Nach neuesten Erkenntnissen soll es die Substruktionen des Stadtschlosses noch geben. Derweil wird die nächste historische Schicht, das Humboldtforum, geplant. Irgendwann wird auch die Temporäre Kunsthalle Sediment sein. Nur muss sie bis dahin noch ein Jahr lang eine bessere Vorstellung als in den vergangenen Monaten abgeben.

Tagesspiegel, 11.07.2009