Stadtschloss Absage an die Moderne

Stadtschloss: Absage an die Moderne

Als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit den eigenständigen Posten des Kultursenators abgeschaffte und den Job selbst übernahm, wurde André Schmitz Kulturstaatssekretär. Er wird in der Jury des Wettbewerbs sitzen, die den Entwurf für einen Neubau mit den barocken Fassaden der einstigen Hohenzollernresidenz auswählen wird. Schmitz mahnt die Rekonstruktion von drei barocken Fassaden an.

WELT ONLINE: Noch ist der Realisierungs-Wettbewerb für das Humboldt-Forum nicht ausgeschrieben, da gibt es bereits Kritik an den bekannt gewordenen Vorschlägen für die Fachpreisrichter: Es sind fast nur Modernisten. Einer lehnt sogar die vorgegebenen Barockfassaden ab. Kann es bei dieser Jury bleiben?

André Schmitz: Die jetzt öffentlich diskutierten Namen können und werden noch nicht die abschließende Jury zusammensetzung widerspiegeln. Die Jury als Ganzes muss in ihrer ausgewogenen Zusammensetzung eine Gewähr dafür bieten, dass die Beschlüsse des Deutschen Bundestages – insbesondere, was die architektonischen Vorgaben angeht – auch umgesetzt werden. Dafür braucht die Jury z. B. auch ausgewiesene Kenner der Kunst- und Bauhistorie des ehemaligen Schlosses. Darüber hinaus muss es bei der größten kulturpolitischen Herausforderung seit der deutschen Wiedervereinigung auch den Blick von außen geben, wir brauchen also eine internationale Beteiligung.

WELT ONLINE: In einem Papier des Bauministeriums wird allerdings auch der Erinnerung an den Palast der Republik ein hoher Stellenwert eingeräumt.

Schmitz: In dem Ausschreibungstext wird es auch eine Empfehlung geben zu überlegen, in welcher Form man an diesen Teil der Geschichte erinnert. Denkbar wäre eine Rekonstruktion des Volkskammersaals, wenn sich dies in die künftige Nutzung des Gebäudes einfügt. Wir haben ja noch das komplette Inventar. Der Saal muss aber dann auch „bespielbar“ sein. Er ist an die 1000 Quadratmeter groß gewesen und könnte in die fast 10.000 Quadratmeter große Fläche der Agora des Humboldt-Forums eingebunden werden, wo Vorlesungen, Theatervorstellungen und andere Veranstaltungen geplant sind.

WELT ONLINE: Architekten fordern jetzt wieder, es sollten auch Entwürfe mit modernen Fassaden zugelassen werden.

Schmitz: Der Deutsche Bundestag hat klare Vorgaben dazu gemacht. Mit zwei Beschlüssen ist festgeschrieben, dass das geplante Humboldt-Forum in der Kubatur des früheren Schlosses zu errichten ist und an drei Seiten die alten Fassaden zu rekonstruieren sind. Auf der Ostseite kann dagegen eine moderne Gestaltung erfolgen. Das ist der Rahmen, der gesetzt ist. Das muss auch in dem Ausschreibungstext deutlich werden, den die Bundesregierung als Bauherr mit uns zusammen gerade erarbeitet. Wir dürfen die Teilnehmer des Wettbewerbs nicht auf eine falsche Spur lenken.

WELT ONLINE: Viele der Architekten würden das Gebäude nun aber wohl lieber in zeitgenössischer Architektur bauen.

Schmitz: Dann müssen sie woanders bauen. Wir haben seit der Wiedervereinigung keinen Mangel an moderner Architektur. Alle großen Architekten der Welt haben sich in den vergangenen Jahren in Berlin mit neuen Bauten verewigt. Für den Schlossplatz gibt es einen klaren Wunsch des Parlaments nach einer historischen Rekonstruktion: Und den halte ich für völlig legitim.

WELT ONLINE: Sollte auch die historische Kuppel des Schlosses wieder errichtet werden?

Schmitz: Noch wird an den Ausschreibungsunterlagen gearbeitet. Darin wird empfohlen zu prüfen, ob man eine Kuppel wieder errichten kann.

WELT ONLINE: Könnten Sie sich auch eine moderne Kuppel vorstellen, ähnlich wie beim Reichstagsgebäude?

Schmitz: Ich bin da nicht dogmatisch wie viele andere in diesem Streit, die entweder für eine hundertprozentige Rekonstruktion oder für 100 Prozent Moderne sind. Am Reichstag hat man gesehen, dass es sehr gut geht mit einer modernen Kuppel. Ich persönlich würde beim Reichstag aber eine kleine Einschränkung machen: noch besser wäre es gewesen, Lord Norman Foster hätte sich auch bei den Proportionen an dem historischen Vorbild orientiert. Die Maßstäblichkeit ist nicht ganz harmonisch.

WELT ONLINE: Werden denn die rekonstruierten Barockfassaden zur neuen Nutzung des Gebäudes als moderner Ort der Weltkulturen passen?

Schmitz: Das wird die große Aufgabe der Architekten sein, diesen Spagat hinzubekommen. Wie das Beispiel der Kommandantur Unter den Linden 1 zeigt, bei der hinter einer perfekt rekonstruierten Fassade die Innenräume völlig unabhängig davon modern gestaltet wurden, ist das nicht immer leicht. Da riskiert man schnell den Vorwurf, das sei Disneyland. Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann hat immer gesagt, dort, wo die großen Treppenhäuser von Schlüter waren, darf hinterher kein Klo entstehen. Das ist zwar ein bisschen überspitzt, aber in der Tat das Problem.

WELT ONLINE: Wie kann man es lösen?

Schmitz: Indem zum Beispiel im Ausschreibungstext auf den Zusammenhang zwischen historischer Raumabfolge und historischer Fassade hingewiesen wird. Wir werden sicher nicht das Schloss in all seinen Innenräumen rekonstruieren können. Aber die Architekten sollten sich meiner Meinung nach an der historischen Raumabfolge orientieren: An den Kunstkammern z. B. als der Keimzelle der Berliner Museen, an den großen Treppenhäusern; und wo Fenster waren, sollten auch wieder Fenster und Geschosse erscheinen.

WELT ONLINE: Beim Wiederaufbau des Neuen Museums steht David Chipperfield vor einer ähnlichen Aufgabe. Wie gefallen Ihnen seine minimalistischen Innenräume?

Schmitz: Darüber kann man geteilter Meinung sein. Mich haben die Arbeiten am Neuen Museum noch nicht überzeugt, sage ich ganz offen. Da haben immerhin 150 Restauratoren versucht, Teile der Originalsubstanz sicherzustellen und neue Elemente mit der Originalsubstanz zu kombinieren. Bisher finde ich diese Lösung auch unter ästhetischen Gesichtpunkten eher unbefriedigend. Ich weiß auch nicht, ob es das wert ist, den 60 Jahre dauernden Wassereintritt in diese Ruine mit einem so hohen Aufwand zu dokumentieren. Ich behalte mir mein endgültiges Urteil aber bis zur Museumseinweihung in zwei Jahren vor. In Dresden ist die Rekonstruktion der Frauenkirche dagegen großartig gelungen. Die Leute lieben dieses Gebäude, und für die Stadt ist es ein großer Gewinn.

WELT ONLINE: Das hätten Sie sich auch beim Neuen Museum gewünscht?

Schmitz: Vielleicht. Auf jeden Fall wehre ich mich gegen das Dogma, so etwas nicht denken und versuchen zu dürfen. Wir sollten immer den Einzelfall betrachten. Wenn die Rekonstruktion im Einklang mit einer Nutzung steht und kunsthistorisch und städtebaulich sinnvoll ist, dann sollte sie möglich sein.

WELT ONLINE: Wenn der Palast der Republik abgerissen ist, soll dort bis zum Baubeginn des Humboldt-Forums für eine begrenzte Zeit eine Kunsthalle auf dem Schlossplatz stehen. Zwei Entwürfe konkurrieren: ein Würfel und eine Wolke. Welche Variante favorisieren Sie?

Schmitz: Wir haben beide Initiatoren angehört. Ich denke, dass die Entscheidung in den kommenden Wochen fallen wird. Inhaltlich, kulturpolitisch, kann ich beide Ideen nur begrüßen. Wir sind im Moment noch in der Prüfung, und wenn die abgeschlossen ist, gibt es eine Entscheidung.

WELT ONLINE: Nicht alle sind bisher davon überzeugt, dass Berlin seine Zusage einhalten kann, sich an den Baukosten mit 32 Millionen Euro zu beteiligen.

Schmitz: Berlin steht uneingeschränkt zu der Vereinbarung zwischen Bauminister Wolfgang Tiefensee und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Wir zahlen nicht nur 32 Millionen Euro, sondern stellen zugleich unser Grundstück im Wert von 51 Millionen Euro zur Verfügung. Ich finde, es ist gut angelegtes Geld, weil das Humboldt-Forum gut zu Berlin und zur Bundesrepublik Deutschland passt. Es ist national das größte kulturpolitische Bauprojekt seit der Wiedervereinigung.
Die Welt, 15.10.2007