Spur der Steine Wie das Stadtschloss neu entsteht

Spur der Steine – Wie das Stadtschloss neu entsteht

Von Rainer Haubrich

Die Rekonstruktion gleicht einem gigantischen Puzzle-Spiel. Der Steinbildhauer Eckhart Böhm lässt in seinem Atelier ein Werk wiederauferstehen, das Andreas Schlüter vor 300 Jahren schuf: die Barockfassaden des Berliner Stadtschlosses. Wie geht das?

16 Tonnen wog der Steinblock, den man Eckhart Böhm vor über einem Jahr vor die Tür seines Ateliers in Potsdam Sanssouci setzte. 16 Tonnen Elbsandstein, aus denen der 32-jährige Steinbildhauer im Auftrag des Schlossvereins von Wilhelm von Boddien eines der aufwändigsten und bedeutendsten Schmuckteile des Berliner Schlosses herausschälen sollte.

14 Monate hat er gebraucht, um ein plastisches Kunstwerk des großen Barockbildhauers Andreas Schlüter neu zu erschaffen, eine sogenannte Armatur vom Portal I, die noch auf den Fotos der Ruine klar zu erkennen ist, aber mit der Sprengung der Hohenzollernresidenz 1951 zerbrach und bis auf ein kleines erhaltenes Fragment irgendwo verscharrt wurde, bis heute unauffindbar.

Zwei Drittel des Steinvolumens mussten abgearbeitet werden, zunächst mit Pressluftgeräten, die letzte Schicht dann in mühevoller Handarbeit mit Hammer und Meißel. Die fertige Armatur, zusammengesetzt aus vier Teilen, wiegt immer noch stattliche sechs Tonnen.
Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis sie wieder an ihren Platz in der Südfront des Berliner Schlosses zurückkehrt, wo sie einst die Brüstung vor dem Elisabethsaal im zweiten Obergeschoss zierte, etwa fünfzehn Meter über den Köpfen der Passanten. Wird man dann mit bloßem Auge noch all die kostbar modellierten Feinheiten dieser eigenwilligen Komposition erkennen?

Die Basis bildet ein Löwenfell mit Kopf und Pranken, der sogenannte Herkules-Mantel, darauf steht ein halbmondförmiger Reiterschild, der eine Kampfszene zeigt, dahinter erkennt man die befiederten Enden von Pfeilbündeln, darüber einen Helm, auf dem eine vollbusige Sphinx thront, flankiert von zwei gefesselten nackten bärtigen Sklaven, und das Ganze wird überwölbt von einem prächtigen Federbusch. Dessen verblüffend weich wirkende Oberfläche jedenfalls wird man aus der Nähe betrachten können, wenn man eines Tages aus dem Fenster des einstigen Elisabethsaales hinunterschaut.

Als Vorlage diente Böhm ein Gipsmodell, das sein Berliner Kollege Matthias Körner anhand von historischen Fotografien modelliert hat. Dabei wurde das erhaltene Fragment des Reiterschildes mit dem fallenden Krieger abgeformt und in das Modell integriert. Ob tatsächlich Schlüter selbst diese Armatur geschaffen hat, sei nicht überliefert, sagt Eckhart Böhm. Aber da es sich hier um eine vornehme Gestaltungsaufgabe an einer bedeutenden Stelle der Fassaden handelt, sei es ziemlich wahrscheinlich. Böhm hat die stilistischen Eigenheiten der Bildhauerarbeiten Schlüters studiert, die in Berlin bis heute erhalten sind, etwa die Kanzel der Marienkirche oder die Figuren der Villa Kamecke. Die Art, wie Schlüter Hautpartien formt, wie er Gewänder oder Haare gestaltet – das alles hat Böhm an der Armatur nachzuempfinden versucht.

Verglichen mit dem monumentalen Portal I und dessen 15 Meter hohen korinthischen Säulen wirkt selbst diese stattliche Armatur verschwindend klein. Der Kunsthistoriker Guido Hinterkeuser habe sie in seinem vor fünf Jahren erschienenen Standardwerk über das Schloss „kleinlich“ genannt, sagt Böhm und lächelt. Er jedenfalls habe länger für diese Arbeit gebraucht als geplant. „Ich dachte, das sei schneller zu schaffen“, sagt er mit leichtem Bedauern, denn er hatte den Auftrag zu einem Pauschalpreis übernommen.

Wenn es demnächst richtig losgeht mit den Aufträgen für die Kapitelle und Adler, die Totenschädel und Widderköpfe, die Blumengirlanden und Wappenschilde, und wenn dann die Aufträge für ganze Abschnitte an Steinbildhauer fernab von Berlin vergeben werden, so fürchtet Böhm, werden sich vielleicht nicht alle Kollegen mit so viel Kunstverstand und Geduld an die Arbeit machen. Der Bauherr will Festpreise, und die Werkstätten wollen nicht draufzahlen. „Aber wenn man nicht mit einem maximalen Anspruch an diese Aufgabe geht“, sagt Böhm, „dann kann das Original durch die Rekonstruktion nur abgewertet werden, und dann würde ich aus dem Projekt aussteigen.“ Und seine Körpersprache signalisiert: Diese Armatur genügt höchsten Ansprüchen.

Nur mit dieser Haltung könne die Rekonstruktion der Barockfassaden gelingen, sagt Böhm, und deshalb hofft er auf eine Schlossbauhütte in der Nähe der Baustelle, wo Dutzende von Steinbildhauern im täglichen Austausch miteinander in diese epochale Aufgabe hineinwachsen, voneinander lernen und sich gegenseitig inspirieren könnten. Die Szene der Fachleute in Deutschland ist heute ziemlich übersichtlich. In der Hauptstadtregion war das Metier fast ausgestorben, seit die traditionsreiche Klimes-Werkstatt aus DDR-Zeiten 1998 mangels Aufträgen schließen musste.

Böhm war der letzte Lehrling. „Niemand kann im Augenblick sagen, wie viele Fachleute auftauchen werden, wenn das Projekt europaweit ausgeschrieben wird“, sagt Böhm, „aber ich denke schon, dass genügend Kräfte zur Verfügung stehen werden.“ Vereinzelt wüchsen auch in Deutschland wieder junge engagierte Leute nach. Sie alle könnte man in einer Schlossbauhütte zusammenführen, um die zu erwartende stilistische Vielstimmigkeit zu reduzieren und eine einheitliche authentische Handschrift für die Schmuckteile der Fassaden zu erreichen.

Schon als Kind war Eckhart Böhm klar, dass er einmal das machen wollte, was ihn im Atelier seines Vaters Rudolf Böhm faszinierte. Dieser leitete vier Jahrzehnte lang die Restaurierungswerkstatt in Potsdam Sanssouci, bevor er vor zwei Jahren in Rente ging. Aber auch jetzt nimmt er sich noch die eine oder andere Figur vor. „Mich hat das Schöpferische fasziniert, das Arbeiten mit den Händen“, erinnert sich der Sohn, „und sicher war auch Eitelkeit und Ruhmsucht dabei. Ich wollte etwas schaffen, was die Zeiten überdauert, der Sterblichkeit ein Schnippchen schlagen.“

Ob es ihn nie gereizt habe, etwas ganz Neues, nie Dagewesenes zu machen, mit der Freiheit eines zeitgenössischen Künstlers? Nein, sagt Böhm, er habe schon als Jugendlicher gemerkt, dass er zum Bildenden Künstler nicht tauge, „dafür war ich zu sehr auch am Handwerklichen interessiert“. Und die künstlerische Freiheit werde häufig überschätzt. „Wer auf dem Kunstmarkt sein Geld verdienen will, muss bestimmte Formate in einem bestimmten Preissegment liefern. Das führt zu großer Konformität.“

Nach Praktika in der Restaurierungswerkstatt der Stiftung Schlösser und Gärten in Potsdam sowie in der Antikensammlung Berlin ging er für ein halbes Jahr nach Neapel an das weltbekannte Archäologische Museum, wo er an der Restaurierung einer antiken Statue des griechischen Redners Aischines beteiligt war.
Dass die barocken Fassaden des Berliner Schlosses wiederkommen müssten, war ihm seit dem ersten Architekturwettbewerb zur Neugestaltung des Schlossplatzes in den Neunzigerjahren klar. Als er sich im Jahre 2000 um einen Studienplatz bewarb, hatte er sich für das Auswahlgespräch schon mit den entsprechenden Argumenten ausgerüstet, aber den Professor interessierte das nicht. „Auch im Studium stand ich mit meiner Haltung ziemlich alleine. Die meisten glauben nicht daran, verloren Gegangenes wiedergewinnen zu können. Sie verteidigen die Theorien der modernen Denkmalpflege, blenden damit jedoch die Bedürfnisse der alltäglichen Praxis völlig aus“, sagt Böhm.

Anders als das Braunschweiger Beispiel, wo hinter der Schlossfassade ein Einkaufszentrum entstand, überzeugte Böhm das Berliner Konzept des Humboldt-Forums mit dem Schwerpunkt auf den außereuropäischen Sammlungen der Preußenstiftung. „Dadurch verbindet sich die Erinnerung an ein großartiges Bauwerk mit einer globalen und sehr zeitgemäßen Perspektive.“

Böhms neues Projekt für die Rekonstruktion der Schlossfassaden ist ein heraldisches Relief über einem der Fenster des zweiten Obergeschosses in jenem Bauabschnitt, mit dem Eosander von Göthe die Schlüterschen Fassaden verlängerte. Da das Schloss vor seiner Zerstörung fast komplett fotografisch dokumentiert wurde, zudem von den Berliner Architekten Stuhlemmer inzwischen zentimetergenaue Fassadenpläne vorliegen, lassen sich die einzelnen Schmuckelemente ziemlich präzise rekonstruieren.
Im Falle des Relieffeldes gab es ein unscharfes Foto und eine Zeichnung von einer Baudokumentation aus der Zeit um 1900. Aus beiden Vorlagen schuf Böhm ein verkleinertes Modell aus Ton, das sogenannte Bozzetto. Zurzeit vergrößert er dieses zu einem Tonmodell in den Abmessungen des einstigen Originals. Davon wiederum wird ein Gipsabdruck gemacht, der als Vorlage für die Ausfertigung in Stein dient.

So war es auch bei der großen Armatur, bei der er nach einem Gipsmodell des Kollegen Matthias Körner arbeitete. Die Feinheiten der endgültigen Form entwickelte Böhm dann mit Körner zusammen im Gespräch. In der Oberflächenbehandlung hat jeder Bildhauer seinen persönlichen Duktus. Deshalb mag Böhm auch das Wort von der Kopie nicht. „Es gibt keine 100-prozentige Rekonstruktion. Jede Nachschöpfung ist ein Stück weit Interpretation.“ Mit geübtem Auge könne man etwa innerhalb einer Serie von gleichen Kapitellen die künstlerischen Handschriften unterschiedlicher Steinbildhauer erkennen.

Für Böhm ist es eine beglückende Erfahrung, sich in das Werk Schlüters hineinzudenken. „Er muss ein schwerblütiger, rastloser Mensch gewesen sein, genialisch, auch mit großen Krisen, etwa als sein Münzturm einstürzte und er vom König entlassen wurde“, sagt Böhm, „die Finesse seiner Arbeiten ist beeindruckend, gleichzeitig spürt man in der Expressivität der Form eine ungeheure Kraft. Was Schlüter am Schloss schuf, war Kunst von Weltrang.“ Böhm will dazu beitragen, diese Werte weit in die Zukunft zu tragen. Etwas Ähnliches hätten auch die Römer gemacht, als sie Kopien griechischer Originale anfertigten, die uns nur durch diese Vermittlung bis heute überliefert sind.

Restauratoren und Steinbildhauer sind es gewohnt, in solchen zeitlichen Dimensionen zu denken. Eckhart Böhm lässt ein Werk wiederauferstehen, das Andreas Schlüter vor 300 Jahren schuf. Dieser wiederum bezog sich auf die Skulpturen des Michelangelo, der 200 Jahre vor Schlüter lebte und beeinflusst wurde von antiken Kunstwerken, die zu Michelangelos Zeit über 1000 Jahre alt waren.

„Wenn man diese Zeiträume sieht, bekommt die ganze Frage der Schloss-Rekonstruktion eine andere Perspektive“, sagt Böhm, „dagegen wirken die eisernen Prinzipien der modernen Denkmalpflege wie eine Episode.“ Böhm fühlt sich wohl in dieser Kontinuität der klassischen Überlieferung. Aus ihr speist sich seine schöpferische Kraft, sein Zunftstolz – und seine Demut: „In 300 Jahren wird man auch meine verwitterten Skulpturen wieder ersetzen“, sagt Böhm ohne jeden Anflug von Bedauern, „vielleicht kommen sie dann ins Museum. Oder sie dienen einer neuen Generation von Steinbildhauern als Vorbild.“

Berliner Morgenpost, 15.02.2009