Sprengung vor 60 Jahren
Berliner Stadtschloss soll verwundete Mitte heilen
Dienstag, 7. September 2010 11:45 – Von Benjamin Gajkowski
Genau vor 60 Jahren wurde mit der Sprengung des Berliner Stadtschlosses begonnen. Wilhelm von Boddien setzt sich als Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss seit Langem für den Wiederaufbau ein. Doch dieser liegt auf Eis.
Morgenpost Online: Herr von Boddien, vor genau 60 Jahren wurde mit der Sprengung des Berliner Stadtschlosses begonnen. Man könnte auch sagen: Ihr Lebenswerk wurde geboren.
Morgenpost Online: Warum das?
von Boddien: Weil das Berliner Schloss ein Ausnahmegebäude war. Einmalig in seiner Art. Wir können jetzt nur mit Demut versuchen, das verlorene Original so genau wie möglich wieder herzustellen. So überwiegt bei mir die Trauer um seinen Verlust die Freude darüber, an seiner Rekonstruktion mitwirken zu können.
Morgenpost Online: Dann lassen wir es doch. Kostet eh ein Vermögen. 552 Millionen Euro laut Planungen.
von Boddien: Sie verkennen die Bedeutung des Schlosses. Mit seinem äußeren Wiederaufbau rehabilitieren wir den alten Stadtkern. Schließlich standen alle bedeutenden Bauten der Mitte in einer engen Verbindung mit dem Gebäude. Das Schloss war zwar nicht alles in der Mitte Berlins, aber ohne es ist hier alles nichts! Die unvollkommene historische Mitte kann so geheilt werden.
Morgenpost Online: Geheilt werden? Wovon?
von Boddien: Von dem Phantomschmerz des verlorenen Schlosses. Darunter leidet die Stadt seit 1950. Das ist wie bei einem Beinamputierten, der im Kopf immer noch das verlorene Bein spürt. So ist es auch in Berlin. Die große Leere, die Einöde in der Stadtmitte ist für jeden schmerzhaft sichtbar, gleich, ob er nun für den Wiederaufbau des Schlosses ist oder nicht.
Morgenpost Online: 19 Jahre kämpfen Sie nun schon für das Schloss. Seit 19 Jahren hagelt es Kritik. Wurmt das?
von Boddien: Nein. Kritik macht mich wach. Sie hilft mir, meine eigene Position zu überprüfen.
Morgenpost Online: Man hat Sie Schlossgespenst geschimpft…
von Boddien: Stimmt. Das war gleich am Anfang unserer Arbeit. Damals hat man mich überhaupt nicht ernst genommen…
Morgenpost Online: …das Stadtmagazin Tip hat Sie sogar zu einem der peinlichsten Berliner gekürt.
von Boddien: In der Umfrage der Berliner Morgenpost nach dem „wichtigsten Berliner des Jahres“ kam ich zeitgleich auf Platz acht, noch vor dem Regierenden Bürgermeister. Daran sehen Sie, wie wenig ernst man solche Befragungen nehmen sollte.
Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?
von Boddien: Sage mir, wer wie welche Klientel gefragt hat, dann kenne ich das Ergebnis. In Sachen Schloss wird von bestimmten Medien Anti-Stimmung gemacht. Tip gehörte von Anfang an dazu.
Morgenpost Online: Die Medien sind Schuld – war ja klar. Sie wohnen in Hamburg. Da sagt man: „Nun mal Butter bei die Fische.“
von Boddien: Ich werde hier keine allgemeine Medienschelte machen. Das, was in einigen Zeitungen steht, ist Meinung einzelner Journalisten, nicht der Mehrheit der Berliner. Es sind immer dieselben 20 Journalisten, die zum Teil schon seit 1993 gegen das Schloss geschrieben haben. Und es noch immer tun. Hinter ihnen stehen hohe Auflagen. Sie berichten mit einer solchen Überzeugungskraft, als würden ihre Artikel die allgemeine Meinung wiedergeben. Diese sieht in Sachen Schloss aber durchaus anders aus.
Morgenpost Online: 80 Prozent der Berliner sind gegen den Bau.
von Boddien: Ein Beispiel für die Manipulation einer Meinungsumfrage! Die Berliner Zeitung hatte im Mai fragen lassen: Auf welche Projekte könne man verzichten, bevor es an die Sozialhilfe geht? Da hat eine Mehrheit geantwortet: Auf den Bau der Autobahn A100 durch Treptow, die Berliner Verwaltung müsse schlanker werden und auf die jetzige Verwirklichung des Schlossprojekts könne man auch verzichten.
Morgenpost Online: Sag ich doch: dagegen.
von Boddien: Sie hören nicht zu. Die Berliner sind nicht gefragt worden, ob sie dafür oder dagegen sind. Das beweist eine Umfrage 15 Tage später. Nun wurde gefragt: Sind Sie dafür, dass im Zentrum Berlin das Humboldt-Forum in Gestalt des Berliner Stadtschlosses gebaut wird? Ja oder Nein. Und auf einmal votierten 50 Prozent der Berliner dafür. Wegen der vorherigen Umfrage wurde bei den Ablehnern nachgefragt: Ist Ihr Nein grundsätzlich oder hat es mit den geplanten Sparmaßnahmen zu tun? Da haben weitere 20 Prozent gesagt: Nicht grundsätzlich Nein, sondern wegen der gebotenen Sparsamkeit. Daraus kann man schließen, dass 70 Prozent der Berliner grundsätzlich für den Wiederaufbau des Schlosses sind. Also genau anders herum!
Morgenpost Online: Na, das ist eine Logik. Nach dem Motto: Wenn Sie jemanden auf dem Kudamm fragen, ob er einen Porsche fahren will, wird der sagen: grundsätzlich ja, immer her damit. Wenn Sie dann aber fragen: Wann soll die erste Rate von seinem Konto herunter, wird er Ihnen sagen: Stopp, vielleicht doch ein wenig teuer.
von Boddien: Sie vergessen etwas ganz Wichtiges dabei: Die Rekonstruktion der Schlossfassaden wird überhaupt nicht vom Staat finanziert, sondern ausschließlich das wichtigste Kulturprojekt Deutschlands, das Humboldt-Forum. Die 80 Millionen für die Schlossfassaden werden privat gespendet. Wir, der Förderverein Berliner Schloss, sammeln das Geld dafür ein. Ein Viertel haben wir schon. Und den Rest bekommen wir auch noch zusammen.
Morgenpost Online: Nun sieht es so aus, dass der Bau mit einiger Verzögerung tatsächlich im Jahr 2014 beginnt.
von Boddien: Eigentlich schon früher. 2012 fangen die Erdarbeiten für den U-Bahntunnel an, dabei wird der Boden auch gleich für die Fundamente des Humboldtforums ertüchtigt. 2013 wird die Grundsteinlegung stattfinden. Und 2017 wird das Schloss fertig sein. Da die Planungen, Genehmigungsverfahren und Ausschreibungen sowieso bis in das Jahr 2012 reichen, wird es möglicherweise überhaupt keinen Zeitverzug geben.
Berliner Morgenpost6, 7.9.2010
Deutsch
English
Francais
