Spekulationen um das Berliner Schloss: Schlossbau soll erstmal zu den Akten

Schlossbau soll erstmal zu den Akten

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Die ablehnende Haltung der Berliner zum Stadtschloss hat eine neue Debatte um den Bau des Humboldt-Forums am Schlossplatz ausgelöst. Thomas Flierl (Linke), der Vorsitzende im Stadtentwicklungsausschuss des Abgeordnetenhauses, sowie Franziska Eichstädt-Bohlig von den Grünen forderten gestern ein Moratorium zum Schlossneubau. „Das Votum der Berliner verdeutlicht den Mangel des Projektes: Bisher wurde zum Schloss eine Architekturdebatte geführt. Wir müssen uns aber erst über die Inhalte des Humboldt-Forums im Klaren sein, dann kann das Schloss auch später gebaut werden“, sagte Flierl.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Berliner Zeitung sind 80 Prozent der Berliner der Meinung, dass angesichts der derzeitigen Haushaltslage von Bund und Ländern auf den geplanten Neubau des Berliner Stadtschlosses verzichtet werden sollte. In Ost und West ist das Stadtschloss dabei gleichermaßen unbeliebt. Dieses Signal müsse ernst genommen werden, sagt Franziska Eichstädt-Bohlig . „Das Votum zeigt nicht nur, dass in der Bevölkerung ein pragmatischer Sparwille vorhanden ist, sondern auch, dass in über 15 Jahren Schlossdebatte keine gesellschaftliche Identifikation mit diesem Vorhaben gewachsen ist“. Sie fordert den Bundestag auf, zum Humboldt-Forum ein Moratorium zu beschließen und das Projekt zumindest für diese Legislatur ad acta zu legen.

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Lediglich eine Stadtführerin spricht sich dafür aus, das Schloss wieder herzustellen – „mitsamt der barocken Fassade“.

Das will auch die Bundesregierung. Laut Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) sollen die Bauarbeiten für das Schloss im kommenden Jahr beginnen und im Jahr 2017 abgeschlossen sein. Durch die Rekonstruktion der Schlossfassade werde eine Lücke im Herzen der historischen Stadtmitte geschlossen, sagte Ramsauer zuletzt beim Besuch des Architekten Franco Stella, der seine Planungen für den Neubau im Herbst vorlegen will. Genutzt werden soll das Schloss künftig etwa von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Humboldt-Universität sowie der Zentral- und Landesbibliothek. 552 Millionen Euro darf das Schloss kosten, das hat der Bundestag festgelegt. 440 Millionen Euro steuert der Bund bei, 32 Millionen das Land. Mit Spenden in Höhe von 80 Millionen Euro will der Förderverein Berliner Schloss die Rekonstruktion der Barockfassaden finanzieren.

Dessen Geschäftsführer Wilhelm von Boddien nimmt die Ablehnung des Schlossbaus durch die Berliner mit gemischten Gefühlen auf: „Wenn die Unsicherheit nicht endgültig beseitigt wird, dass das Schloss gebaut wird, habe ich natürlich ein Problem, die Spender von dem Projekt zu überzeugen“, sagt er. Knapp 13 Millionen Euro Spenden habe er bereits für die Fassade eingesammelt, weitere sieben Millionen seien zugesagt und stehen bereit, wenn der Bau beginnt. Der Zug für das Humboldt-Forum sei längst auf der Strecke und nicht mehr zu stoppen, so von Boddien. Er sei optimistisch, die Spenden für die Fassade zusammenzubekommen.

Berliner Zeitung, 02.06.2010