Sommerschlossverkauf
Wer die Lust am Wählen nicht verloren hat, für den gibt’s nun die ideale Lektüre: den dritten Katalog der Fassaden- und Schmuckelemente des Berliner Schlosses. Sie haben die Wahl, dank Wilhelm von Boddiens Förderverein, der 80 Millionen Euro für die Wiedererrichtung der historischen Fassade zu sammeln verspricht. Darf’s eine von Pax und Fama getragene Eosander-Kartusche sein (706 000 €) oder lieber eine mit muschelbekröntem Wappen (246 800 €)? Ein Bronzerelief mit Schlosserbauer Friedrich persönlich (430 000 €), eine Eichenlaub-Rosette aus dem Schlüterhof (35 300 €)? Kleinbausteine gibt’s ab 50 Euro, der Lion’s Club will die Löwenköpfe im Schlüterhof, die Zahngesimse eignen sich für schlossbegeisterte Dentisten. Nur das Schlüterportal I ist weg – wobei „weg“ der falsche Ausdruck ist. Die Fassade wird ja nur symbolisch verkauft, sie bleibt Volkseigentum.
Deutschland im Schloss-Spendenfieber? Zwar erwähnt der Förderverein im Begleitschreiben zum Katalog die aktuellen juristischen Probleme. Der Brief beginnt dennoch frohlockend: „Die abschließenden Architekturentwürfe für das Humboldtforum im Berliner Schloss werden demnächst fertig gestellt“, die Bundesregierung werde sie womöglich schon im Oktober veröffentlichen. Man reibt sich die Augen: Nach dem Kartellamtsurteil vom 11. September hat das Schloss zurzeit keinen Architekten. Der Vertrag mit Franco Stella ist ungültig. Bis zum Berufungsbeschluss des Oberlandesgerichts Düsseldorf gehen Monate ins Land. Dann muss wohl ein neuer Vertrag ausgehandelt werden. Bis dahin haben Entwürfe bestenfalls Wolkenkuckucksheimvorteil, von der Ausschreibung von Ausführungsarbeiten zu schweigen.
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Tagesspiegel, 29.09.2009
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