Skelett aus 20.000 Tonnen wird zerlegt
Er sieht beklagenswert aus – der einstige „Palazzo Prozzo“ im Herzen von Berlin. Inzwischen erinnert nur noch ein tristes, zweigeteiltes Rudiment an den monumentalen DDR-Prachtbau aus vergangenen Tagen. Wurde der Palast der Republik in den vergangenen Monaten schon immer vergänglicher, ist er seit gestern auch optisch kein Gebäude mehr. Das letzte Segment aus seiner Mitte – ein zehn Tonnen schwerer Stahlträger – wurde am Nachmittag von einem Schwerlastkran herausgehoben und abtransportiert.
Erstmals seit 1974 – als der Aufbau des Stahlskelettes für den Palast erfolgte – ist der Blick wieder frei vom Schlossplatz hinüber zu Fernsehturm, Marienkirche und dem Bahnhof Alexanderplatz.
Mit diesem Durchstich sind das einstige Foyer und das Treppenhaus des Palastes verschwunden. Links und rechts der Lücke stehen noch die Stahlgerippe für die ehemalige Volkskammer und den Großen Saal. Seit Beginn der Abrissarbeiten wurden laut Uwe Beer, stellvertretender Bauleiter der mit Abriss beauftragten Firma Jaeger Umwelttechnik aus Bernburg (Sachsen-Anhalt), bereits gut 5000 Tonnen an Stahlträgern und -dräuten demontiert. Insgesamt wurden beim Palast etwa 20 000 Tonnen Eisen und Stahl sowie 57 000 Tonnen Beton verbaut. Die ein bis zwölf Tonnen schweren Segmente werden in kleinere Teile zerlegt, dann per Lkw zum Einschmelzen abtransportiert.
Ursprünglich sollte der Abriss des Palastes der Republik zu Ostern beendet sein. Doch immer neue Asbestfunde ließen alle Zeitpläne Makulatur werden. Das krebserregende Material muss nun aufwendig und zeitraubend entsorgt werden. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geht davon aus, dass sich die Abrissarbeiten mindestens bis Ende 2008, möglicherweise gar bis ins Frühjahr 2009 hinziehen werden.
Im Moment sind die Arbeiter damit beschäftigt, am frei gelegten Dach der einstigen Volkskammer die Asbestnester freizulegen. Entgegen der Analysen war dort an Eisenträgern, in Fugen, Decken und Wänden die giftigen Stoffe entdeckt worden. Zur Beseitigung musste die Abbruchmannschaft von 30 auf 50 Arbeiter aufgestockt werden. In besonderen Schutzanzügen sind einige von ihnen in speziellen Unterdruckkammern mit der Reinigung der verseuchten Stoffe beschäftigt. Mit Staubsaugern befreien sie die Bauelemente von den giftigen Fasern und entsorgen sie in blaue Gefahrengut-Tonnen.
Durch die Bauverzögerung sind die Kosten für den Abriss in die Höhe geschnellt. Sollten zunächst zwölf Millionen Euro reichen, kommen nun wohl weitere 15 Millionen Euro hinzu – falls es nicht noch mehr Überraschungen gibt.
Wie es nach Abriss des Palastes auf dem Schlossplatz weitergeht, ist noch nicht geklärt. Geplant war vom Senat eine terrassenartig angelegte Rasenfläche. Falls jedoch, wie vom Bundesbauministerium vor kurzem angekündigt, der Bau des Humboldt-Forums bereits 2010 beginnt, soll auf diese zwei Millionen Euro teure Zwischennutzung verzichtet werden.
Berliner Morgenpost, 28.03.2007
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