Sinn und Unsinn des Berliner Stadtschlosses
ARCHITEKTUR BDA debattiert im Uni-Club
Der Bund Deutscher Architekten (BDA) hat ein Problem. Nicht einmal ein Vierteljahr ist es her, da hat man sich nach längeren unkontrollierten Debatten auf ein Positionspapier zum Städtebau und zur Rekonstruktion verlorener Baudenkmäler geeinigt. Tenor: Der geplante Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses hätte bei den organisierten Architekten keine Chance; im Papier ist dazu zu lesen: „Die sinnentleerte Rekonstruktion entzieht der Geschichte ein eigenständiges Zeugnis der Gegenwart und trägt zur Verarmung und Verfälschung unserer europäischen Stadtkultur bei.“
Das sieht jetzt der Kölner Architekt Kaspar Kraemer, seines Zeichens ausgerechnet BDA-Präsident, ganz anders. In einem Interview mit der Sonntags-FAZ – Titel: „Die Gegenwartsarchitektur ist in einer Sackgasse“ – plädiert er für eine Orientierung der Architekten an der Historie, mithin für den Nachbau der Schlüterschen Fassaden in Berlin. Das Stadtschloss biete die Chance, „die historische Mitte wieder so nachbilden zu können, wie sie einmal gewesen ist“. Die Moderne solle sich woanders austoben.
Andreas Denk, Chefredakteur des BDA-Organs „Der Architekt“, brach im Bonner Uni-Club das Verbandsdilemma jetzt gewissermaßen auf die lokale Ebene herunter. Auf Einladung des BDA Bonn-Rhein-Sieg debattierte man munter über „Das neue Gestern für Morgen?“. Rund drei Dutzend Architekten und ähnlich viele Varianten über die Frage, was denn als gelungen modern, was als verwerflich rekonstruiert gelten möge, füllten den Abend auf anregende Weise. Natürlich kamen ziemlich bald auch Bonner Bausünden auf den Tisch: Harte Worte für Bahnhofsvorplatz und Busbahnhofs-Pläne; der Entwurf von Regina Sottrop und Nebel/Possl für das Brassertufer-Projekt fiel ebenso durch wie Thomas van den Valentyns Telekom-Bauten an der B 9; ansonsten höchstes Lob für van den Valentyns subtilen Umgang mit der Historie (Max-Ernst-Museum, Brühl). Auch Joachim Schürmanns Wiederaufbau romanischer Kirchen in Köln gilt als Glanzstück.
Und das BDA-Positionspapier? Das musste sich gedulden. Von den Bonner Architekten kam jedenfalls keiner darauf zurück. Vielleicht hat sich der Fall Berliner Stadtschloss überhaupt erst einmal erledigt. Gestern wuchs im Bundestag der Zweifel an der Kalkulation für den Wiederaufbau, berichtet die dpa. Der Haushaltsausschuss habe den Wettbewerb für den Wiederaufbau vorerst auf Eis gelegt, bis die Bundesregierung genauere Zahlen vorlege, sagte der Unions-Obmann im Ausschuss, Steifen Kampeter: „Angesichts der enormen Größenordnung dieses Projekts geht die Sorgfalt vor Geschwindigkeit.“ Kampeter glaubt dennoch nicht an ein Ende des Projekts: „Das Stadtschloss wird gebaut“, betonte der CDU-Politiker trotz der Zweifel an der seriösen Kalkulation. Es gebe Anhaltspunkte, dass die veranschlagten 480 Millionen Euro lediglich für ein „Rumpfschloss“ reichten, während für die Endausbaustufe mindestens 670 Millionen Euro nötig wären.
Bonner Generalanzeiger, 21.09.2007
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