Sind alle Tropen rot?

Sind alle Tropen rot?

Eine großartige Ausstellung in Brasilia zeigt, wie das Humboldt-Forum nicht funktionieren wird

Nikolaus Bernau

Manchmal muss man weit fahren, um gute alte Freunde aus dem Berliner Ethnologischen Museum wieder zu sehen. Schon mehr als ein Jahrzehnt ist etwa seine berühmte Südasien-Sammlung ins Depot verbannt, balinesische Gemälde, javanische und thailändische Schattenspielfiguren oder die prachtvoll goldenen Kopfschmucke von Tempeltänzern. Irgendwann einmal sollen sie im geplanten Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz wieder zu sehen sein, dort zeigen, wie leicht die Berliner Sammlungen auch in Konkurrenz zu Blockbustern à la New Yorker Franzosen bestehen könnten. Ein Desaster der Museumspolitik.

Solche Gedanken kommen einem unwillkürlich beim Anblick des faszinierenden Projekts „Die Tropen – Ansichten von der Mitte der Weltkugel“, das derzeit im etwas modernistischen, selbstverständlich vom Altmeister Oscar Niemeyer entworfenen Kulturzentrum der Banco de Brasil in Brasilia gezeigt wird. Im März zieht die Ausstellung in den Palast der Banco in Rio de Janeiro, im Herbst kommt sie dann nach Berlin. 200 Werke aus den Berliner Sammlungen außereuropäischer Kunst und Kulturen haben die Direktorin des Ethnologischen Museums, Viola König, und der Chefkurator der Afrika-Sammlung, Peter Junge, ausgewählt, eine blau schimmernde, mit Glasperlen bestickte Gedenkstatue eines Königs aus Kamerun, Keramiken, kraftvoll bunte Stoffe aus Mittelamerika, Masken und ein mit erlesenen Mustern versehener malaiischer Ritualdolch, der mühelos besteht neben farbensprühenden brasilianischen Federschmucken aus dem Museum do Indio in Rio de Janeiro.

Doch geht es in Brasilia nicht nur um alte Objekte aus den traditionellen Kulturen Afrikas, Ozeaniens, Mittel- und Südamerikas und jenem Teil Asiens zwischen Birma, Vietnam und Indonesien, den man einst Hinterindien nannte. Sie werden, und zwar nach Auskunft des umtriebigen Kurators Alfons Hug vom Goethe-Institut in Rio de Janeiro erstmals überhaupt, in Beziehung gesetzt zu neuester Kunst. 30 Werke von meist jüngeren Künstlern sind zu sehen, die entweder aus Ländern stammen, die man im europäischen Norden seit Jahrhunderten als „die Tropen“ bezeichnet, oder die sich mit dem europäisch geprägten Blick auf diese Tropen beschäftigt haben.

Schon von ferne glitzert und schimmert es vor dem Kulturzentrum: In einem Glaspavillon haben die Schweizer Gerda Steiner und Jörg Lenzinger ihre Installation „Meta Garden“ neu aufgebaut: Reihenweise Schreibtische, überwuchert von fieslila Schaum, mit sorgfältig arrangierten künstlichen Fingernägeln belegt. Hühnerknochen und Schädelgebeine hängen wie Saurierskelette im Raum: Ein Kommentar über die korrumpierende Macht der Bürokraten. Oder die der Tropen?

Sie sind Europäern und Nordamerikanern seit langem Traumwelt und Trauma zugleich, Heimat von edlen Wilden und Menschenfressern, üppig blühender Natur und dschungelfinsterer Krankheitsherde, zivilisationserlahmender Hitze und Überschwangs. Es sind alte Bilder: Candida Höfer zeigt auf streng komponierten Fotografien die Konstruktion der „Tropen“ im Berliner Zoo mit Giraffen vor indischen Architekturkulissen oder Krokodilen im Kunstdschungel des Aquariums. Wer dächte nicht an James Bond und die Voodo-Priester in Haiti bei dem Grimassenvideo von Marcos Chaves, an Onkel Toms Melancholie bei dem großartigen Porträtfoto von Caio Reisewitz: Ein schwarzer Mann blickt zurück in tiefen, braunrotschwarzen Grund. Vorkoloniale Geschichte und Identität scheint er zu bedeuten, die zerstört wurde und nun durch Persönlichkeit, Individualität ersetzt werden muss.

Die Wirkung dieses Kontrastspiels ist aufregend, zeigt, dass sich heutige Künstler oft an früheren Vorbildern abarbeiten, wenn etwa Sherman Ong in einem Video malaiische Tanzfiguren auftreten lässt. Traditionelle ästhetische Vorstellungen aus den Bauernkulturen rund um den Äquator und aktuelle Kunstmarktproduktion begegnen sich hier, die unter dem Eindruck der Globalisierung und des Metropolengeschmacks von New York, London, Tokio und Paris entstand.

Doch was macht sie zu tropischen Objekten – außer der aus europäischen Augen (und in dieser Auswahl!) offensichtlichen Leidenschaft für Eisenrot, Braunrot, Rot, Schwarz, Weiß, Gelb, Grün und Blau? Wenn Farbenkraft zählt – sind dann barocke Kirchenmalereien in Neapel tropisch?

Es soll, das ist Konzept dieser Ausstellung, nur um Schönheit gehen, ihren formalen Ursachen nachgespürt werden. Doch wie sollen Brasilianer ohne historische Einführung und ohne Übersetzung der Inschriften die kolonialkritische Reflexion Fernando Bryce verstehen, der Fotos aus deutschen Zeitschriften benutzt, um rassistische Klischees zu entlarven? Man wünschte sich dies Werk in der Berliner Nationalgalerie zu sehen – dort könnte man die Entlarvung auch verstehen.

Niemand käme auf die Idee, die Produkte von kalifornischen Indianern, antiken Griechen und Römern, anatolischen Bauern und Nordchinesen zusammenzustellen und zu sagen: Nun vergleicht mal schön die Formenwelt des 41. Breitengrads, auf dem die vatikanische Basilika St. Peter steht. Schon die Ehrfurcht vor den alten Hochkulturen würde einen solchen Vergleich als sinnlos entlarven. Auch in Brasilia kann die Ausstellung letztlich nicht sagen, was tropisch sei – denn es gibt keine nichtästhetisierende Antwort, außer: Das sind eben die Tropen.

Warum findet die Ausstellung dann statt? Einmal will sich Deutschland, dafür steht das Goethe-Institut, hier neuerlich als der große, liberale Kulturenversöhner zeigen. Kulturpolitisch ebenso wichtig ist aber, dass diese Ausstellung ein Test ist dafür, was und wie künftig im Berliner Humboldt-Forum ausgestellt wird. In dem soll nämlich „Kunst“ der neue Leitbegriff für die Präsentation auch der außereuropäischen Kulturen werden, so wie in der von Peter Junge vor zwei Jahren nach einer sensationellen Tour durch Brasilien in Dahlem neu eingerichteten Afrika-Sammlung.

Für halbwegs verwandte Kulturen erschien das noch sinnvoll, zumal die historischen Erläuterungen in Dahlem nicht fehlen. Ähnlich funktioniert das Konzept bei moderner Kunst, sie entsteht inzwischen weltweit unter vergleichbaren kulturellen Bedingungen. Doch der Rundumschlag von Brasilia, der Vergleich von Allem mit Allem, kann nur scheitern. Um alte Objekte zu verstehen, muss aufgeklärt werden über die historischen und landschaftlichen Bedingtheiten der Kulturen, aus denen sie stammen, über Produktionsbedingungen, Märkte, Machtstrukturen, Mann und Frau und Kind, Alt und Jung, Epochenbrüche, Kriege, Kolonialkomplexe oder deren Fehlen etwa in Thailand. In einem Museum kann man nicht umstandlos traditionelle Objekte aus Bauernkulturen zur urbanen Kunst im europäischen Sinn erklären, so, wie es derzeit Museumsmode ist zwischen Washington, Paris und Berlin. Im Museum muss der Blick tiefer gehen als der Exotismus der Künstler um 1910, die sich rein formal begeisterten für „Negerplastik“.

Solche Vereinfachung bedient zwar unsere political correctness, die nicht ertragen kann, dass andere Kulturen eben anders sind, dass Schönheit – und diese Masken und Tücher, Ahnenstatuen oder Federschmucke sind von überwältigender Kraft – auch ohne unseren europäisch geprägten Begriff „Kunst“ existieren. Sie bringt aber überhaupt keinen Erkenntnisgewinn außer der altbekannten Tatsache, dass „die da“ auch hohe Kultur haben.

In einer Ausstellung ist ein solcher Versuch anregend, sogar notwendig. Denn Ausstellungen sollen neue Sichtweisen testen und auch ihr Scheitern riskieren – wie etwa den Versuch, in Brasilia eine Ästhetik der Tropen zu konstruieren. Ein Museum wie das Humboldt-Forum jedoch muss mehr als nur die Augen erfreuen.
Berliner Zeitung, 29.12.2007