Sehnsucht nach Baukunst
Leitartikel: Deutschland rekonstruiert seine Schlösser
von Rainer Haubrich
Innerhalb einer Woche sind in Deutschland drei Schlossrekonstruktionen auf den Weg gebracht worden. Hannover überraschte mit der Ankündigung, die Volkswagen-Stiftung werde das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Schloss Herrenhausen äußerlich rekonstruieren. Dann eröffnete der Bauminister den Realisierungswettbewerb zum Wiederaufbau des 1950 gesprengten Berliner Schlosses, tags darauf erklärte Software-Unternehmer Hasso Plattner, er werde die Kosten für die Fassadenrekonstruktion des Potsdamer Stadtschlosses übernehmen, dessen Reste 1959 abgetragen worden waren.Was sonst nur in verstreuten Meldungen das Publikum erreicht, verdichtete sich in diesen Tagen zu einem Stakkato und rief in Erinnerung, wie viele Rekonstruktionsprojekte seit der Initialzündung durch die Dresdner Frauenkirche derzeit auf dem Weg sind. In der Hauptstadt Sachsens schreitet die Wiederherstellung des Schlosses voran, in Frankfurt am Main kehrt das 1951 abgerissene Palais Thurn und Taxis als Teil eines Bürokomplexes in seiner äußeren Form zurück, und die Bilder der nächtlich angestrahlten rekonstruierten Braunschweiger Schlossfassade sind noch frisch im Gedächtnis. Nie zuvor seit der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg hat man sich in Deutschland daran gemacht, so viele Schlösser wiederaufzubauen. Warum jetzt, über 60 Jahre nach Kriegsende?Ein Grund ist die anhaltende Enttäuschung vieler Menschen über die Ergebnisse moderner Architektur und Stadtplanung. Wären unsere wiederaufgebauten Innenstädte Wunder an Ästhetik und Sensibilität, würde sich kaum noch jemand für verschwundene Schlösser interessieren. Damit korrespondiert die Sehnsucht nach einer Baukunst jenseits kühler Rationalität oder oberflächlicher Effekthascherei. Gelegentlich ist diese so groß, dass man – wie in Braunschweig – sogar bereit ist, die Seele des historischen Bauwerks an die Betreiber einer Shopping-Mall zu verkaufen. In den meisten Fällen aber gehen die Formen der Vergangenheit zusammen mit noblen und auf die Zukunft gerichteten Nutzungen. In Potsdam wird hinter Knobelsdorffs heiterem Rokoko das Landesparlament Brandenburgs tagen. Hinter den klassizistischen Fassaden von Schloss Herrenhausen entsteht ein internationales Forum modernster Forschung. Und in Berlin soll hinter Schlüters Barock das „Humboldt-Forum“ entstehen, ein für jeden Bürger offenes Haus der Künste aus aller Welt.In Berlin wie Potsdam wie Herrenhausen hatten mehrere Generationen von Architekten an den stadtprägenden Schlossanlagen ihrer Vorfahren weitergebaut. Diese Überlieferung brach in der Nachkriegszeit ab, weil man eine ausschließlich als verhängnisvoll empfundene Vergangenheit auch architektonisch überwinden wollte. Welche Hybris zu glauben, mit der Auslöschung dieses über Jahrhunderte gewachsenen Erbes könne man irgendetwas Gutes bewirken! Stattdessen bildete der Abriss der ausgebrannten Schlossruinen den Auftakt zu jener zweiten Welle der Zerstörung, durch die so viele Städte in Deutschland endgültig Maß und Mitte verloren.Seit dem Ende der deutschen Teilung ist das Zwiegespräch mit der eigenen Geschichte neu in Gang gekommen, und der Verlust bedeutender Werke der Baukunst wird mehr denn je auch als solcher empfunden. Angesichts dessen, was die architektonische Moderne in den letzten Jahrzehnten hinterlassen hat, grenzt es in den Augen vieler Menschen heute erneut an Hybris, wenn zeitgenössische Architekten glauben, sie könnten mit ihren Erfindungen gegen eine jahrhundertelang gewachsene Überlieferung antreten. Dies muss auch die große Mehrheit der Bundestagsabgeordneten so gesehen haben, als diese fraktionsübergreifend den Wiederaufbau der Schlüterschen Barockfassaden beschlossen.So laufen in den aktuellen Rekonstruktionsprojekten mehrere Entwicklungsfäden zusammen: das wieder erwachende Interesse für klassische Bauformen, der Wunsch nach später Wiedergutmachung für den Abrisswahn und die Bausünden der Nachkriegszeit, im weitesten Sinne die Sehnsucht nach Versöhnung mit der eigenen Geschichte. Die neu erstehenden Schlösser sind nur die jüngsten und sichtbarsten Zeichen dieser großen Zeitströmung.
Die Welt, 01.12.2007
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