Schlossplatz

Schlossplatz

Ein Gespenst stört die Visionen vom Schlossplatz. Das Gespenst der Palastruine. Sobald sie verschwunden ist, so hatten es die Bundesabrissbeflissenen wider alle Volkspalastrettungsversuche beschlossen, soll die riesige Baubrache unter den Grashalm kommen. Grüner Rasen muss bedecken, was nicht mehr sein durfte und noch nicht werden kann, weil ja das Geld noch fehlt für ein neues „Schloss“.

Aber die Asbestsanierung des Skeletts zieht sich hin, wohl bis 2008, so die jüngste Hiobsbotschaft der Baubehörde. Damit rückt der schöne Traum vom Humboldt-Forum „im Herzen Berlins“ – ob nun mit moderner Fassade oder in historizierender Hohenzollernschlosshülle – ein Stück ferner. Ganz abgesehen davon, dass eh noch keiner weiß, wer das wie bezahlen soll. Also droht dem Schlossplatz eine lange, leere Zwischenzeit.

Für Leute mit Phantasie verbinden sich damit allerdings Chancen und Charme eines Provisoriums. Davon jedenfalls war am Mittwochabend bei einer Debatte im Roten Rathaus die Rede, und zwar in – fast beunruhigend – größter Harmonie von Podium und Publikum.

Die Macher der Kunstzeitschrift Monopol stellten erneut ihre so sympathische wie kühne Idee vor, statt der geplanten interimsmäßigen Bundesrasenschau über der Palastnarbe eine Kunsthalle auf Zeit aufzustellen: Für ein, zwei, drei Jahre, als große „Wolke“ aus preiswerten Leichtbaustoffen, in der eine Zeit lang all jene in der Welt längst namhafte Kunst gezeigt werden könne, die in Berlin entsteht, in die Staatlichen Museen zu Berlin indes kaum Eingang findet, sei es nun aus Platzmangel oder aus Desinteresse.

Die Monopol-Redakteure haben sogar Sponsoren aufgetrieben. Das Berliner Architektenbüro Graft hat sich die „Wolke“ ausgedacht. Als Metapher für eine Kunsthalle, die, sobald das Humboldt-Forum gebaut werden kann, weiterfliegen soll, nach L.A., nach Peking, nach Johannesburg oder Bukarest – oder von da wieder zurück nach Berlin auf einen anderen Platz. Etwa drei Millionen Euro würde die Halle kosten. Die Architekten widersprechen Skeptikern wie Wilhelm von Boddien: Heiz- und Klimatisierungsprobleme in der Halle seien auch ohne Kostenexplosion zu lösen.

Der Berliner Regierende Wowereit, das versichert sein Kultur-Staatssekretär André Schmitz auf dem Podium, findet Gefallen an der symbolstarken „Wolke“. Die Landesregierung hat kapiert, dass die Bildende Kunst mittlerweile einer der potentesten „Standortfaktoren“ der Stadt ist. Also weiß man im Roten Rathaus auch, dass die Stadt für ihre mehr als fünftausend Künstler generell wieder eine Kunsthalle braucht. Mit oder ohne Wolkenflug. Diese Erkenntnis jedenfalls hat die traurige Palastruine bewirkt.

Berliner Zeitung, 09.02.2007