Schlossbemerkung Abkehr von der architektonischen Moderne

Schlossbemerkung – Abkehr von der architektonischen Moderne

Die Stadt und der Bund wollen zweieinhalb Kilometer vom Regierungsviertel entfernt in Berlins historischer Mitte einen architektonischen Kontrapunkt setzen.

Wie ein mächtiges transparentes Insekt mit Stummelflügeln hockt der Berliner Hauptbahnhof auf den Schienen. Wenn der Zugreisende die Verkehrszentrale hinter sich lässt, schaut er auf die Bauten des Regierungsviertels, aufgereiht am Band der Spree. Die deutsche Hauptstadt begrüßt ihre Gäste mit Glas, Stahl und Beton. Eine Stadt gebaut auf der grünen Wiese, wie Berlin durch zahlreiche Bauten neu definiert. Nun wollen die Stadt und der Bund zweieinhalb Kilometer vom Regierungsviertel entfernt in Berlins historischer Mitte einen architektonischen Kontrapunkt setzen.

Im Spätsommer wird der zweistufige Architekturwettbewerb für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses ausgeschrieben. Die Hauptarbeit des Entwurfs ist bereits erledigt – vor gut 300 Jahren durch Schlossbaumeister Andreas Schlüter (1664–1714). Es geht nur noch darum, dem früheren Hohenzollernschloss ein modernes Raumkonzept zu verpassen. Nicht Stahl und Beton, sondern Sandstein, gelber Putz, streng gegliedert durch Fensterfronten, verziert mit aufwendigem Gesims, zahlreichen Skulpturen und königlich-preußischen Insignien, sowie eine weithin sichtbare Kuppel werden dann den größten Baukörper in der Berliner Mitte prägen. Hier entsteht der wichtigste profane Barockbau nördlich der Alpen neu.

Im Frühsommer verständigten sich Bund und Berlin über eine auf das Wesentliche konzentrierte Bauplanung. Für 480 Millionen Euro soll bis 2013 das Berliner Schloss wiederentstehen, das während des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt und 1950 in der DDR gesprengt wurde. Den Löwenanteil finanziert der Bund. Die Stadt steuert das Grundstück und 32 Millionen Euro bei. Damit wäre die 1992 gegründete Bürgerinitiative zum Wiederaufbau des Schlosses am Ziel. Allerdings hält sich das finanzielle Engagement der Bürger noch in Grenzen. 80 Millionen Euro hat der „Förderverein Berliner Schloss“ an Spenden zugesagt. Knapp sieben Millionen sind es bislang.

Jahrelang tobte die Schlacht um das Für und Wider der Schlossrestauration. Gregor Gysi, Chef der damaligen PDS-Fraktion, wetterte im Bundestag gegen eine Architektur der Sieger, die mit den Bauten der Verlierer, dem unter Erich Honecker erbauten Palast der Republik, reinen Tisch mache. Die Berliner Kulturszene entdeckte nach einer Asbestsanierung die Palastruine als passenden Ort für ungewöhnliche Inszenierungen. Architekten warnten vor einem Euro-Disneyland, vor „brutaler preußischer Machtarchitektur“, wie es einmal hieß. Es war vergebens. Eine Mehrheit der Berliner ließ sich von den Argumenten der Schlosskritiker nicht überzeugen. Als die Kosten kleingerechnet waren – frühere Planungen waren von einem bis zu dreifach höheren Kostenrahmen ausgegangen –, ließ sich das Publikum durch die historisierende Imagination begeistern.

„Form follows function“? Von wegen. Am Schluss der Kontroverse gewann in Berlin die Sehnsucht nach einer alten Form. Der Inhalt, die Funktion wurde passend gesucht aus dem taktischen Blickwinkel der Finanzierbarkeit. Im „Humboldt-Forum“ will Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen mit den wissenschaftshistorischen Kollektionen der Humboldt-Uni vereinen. Hinzu kämen Bestände der Berliner Zentral- und Landesbibliothek. Das ist kein Konzept, das ist ein Sammelsurium, dessen innerer Zusammenhang darin liegt, Haushaltsmittel zu erschließen. Mit dem Umzug der ethnografischen Ausstellungen aus Zehlendorf nach Mitte könnte man sich die Renovierung der Gebäude im Berliner Vorort sparen. Auf 100 Millionen Euro wird der Sanierungsbedarf veranschlagt. Das Geld fließt nun in den Schlossneubau. Andere sehen im Stadtschloss den geeigneten repräsentativen Ort für Berlins Gemäldesammlungen.

War das barocke Schloss durch eine Abfolge von Durchgangssälen gekennzeichnet, die sich in ihrer Pracht wechselseitig zu übertreffen suchten, so werden künftig abgeschlossene Räume gebraucht, die einen eigenen Zugang beanspruchen. Dazu wird der Osthof des Schlosses, der Schlüterhof, überdacht und eine neue Wegeführung ermöglichen. Auch die Restauration der Fassaden stößt an Grenzen. Pläne gibt es nicht mehr. Die Proportionen des Gebäudes lassen sich aus Fotografien ableiten. Doch die Skulpturen und Ornamente des Baumeisters und Bildhauers Schlüter sind zu Teilen verloren. Sie können nur nachempfunden werden. Ist alles nur Fake und Tand? Aber ja. Schlüter selbst hatte keine Hemmungen, dem von ihm vorgefundenen mittelalterlichen Baukörper ein neues barockes Kleid zu schneidern.

Diese Leichtigkeit im Umgang mit den historischen Ursprüngen prägt auch das Herangehen an die politische Symbolik des Hohenzollernschlosses. Preußen – das war in Europa ein historisch höchst widersprüchlicher Weg autoritärer Modernisierung. Er verband religiöse Toleranz und Obrigkeitsstaat, Volksbildung mit Militarisierung. Im Streit um den Schlossneubau spielte das keine große Rolle. Es triumphierte die naive Hoffnung, an eine von Nazi-Deutschland zunächst einmal unbelastete Geschichte bruchlos anknüpfen zu können. Oberhand gewann die Sehnsucht nach einer heilen Stadt, in der sich die im vergangenen Jahrhundert geschlagenen Wunden schließen.
HAZ, 06.08.2007