Riesen-Streit ums Stadtschloss
Knapp zwei Wochen, bevor der Sieger des Architektur-Wettbewerbs feststeht, ist in der Jury die Diskussion entbrannt: Wie modern darf der Entwurf sein?
Von HILDBURG BRUNS
Noch zwei Wochen bis zur Entscheidung über Deutschlands wichtigste Baustelle: Am 28. November, 13 Uhr, steht der Gewinner für den Aufbau des Berliner Schlosses fest. Doch plötzlich zoffen sich Jury-Teilnehmer über die geplanten drei Barock-Fassaden.
„Wer als Architekt nicht für einen kompletten, modernen Neubau an dieser Stelle ist, verrät seinen Beruf“, erklärte Kanzler-Architektin Gesine Weinmiller (45, baute 1999 die Amtsvilla für Gerhard Schröder um) im „Spiegel“. Von den acht Architekten in der 15-köpfigen Jury sollen angeblich nur zwei oder drei für die historische Fassade sein.
Dabei hatte der Bundestag 2002 klar festgelegt: Nur die Gebäudeseite an der Spree und die meisten Museums-Räume des „Humboldt-Forums“ werden modern.
„Alle Juroren haben sich auf den Bundestagsbeschluss verpflichtet“, so Jury-Mitglied Dirk Fischer (64, CDU) gestern verwundert. Berlins Kulturstaatssekretär und Jury-Mitglied André Schmitz (51) forderte: „Ich erwarte, dass sich alle Jury-Mitglieder selbstverständlich an den Bundestagsbeschluss halten. Wer meint, das nicht zu können, muss die Jury verlassen!“
Auch Schloss-Vorkämpfer Wilhelm von Boddien (66) ist empört, sagte BILD: „Ich hätte mehr Charakter erwartet! Wer sich nicht zum Bauherren bekennen kann, dem kann man Objektivität und Begeisterung für das Projekt absprechen.“ Von Boddiens Verdacht: „Man demontiert die Jury von innen heraus, um hinterher das Ergebnis als Farce darzustellen. Die ideologische Schlacht um das Schloss geht weiter.“
Was passiert, wenn die Kanzler-Architektin und weitere Kritiker aus der Jury aussteigen? Kein Problem: Es stünden Nachrücker bereit.
Und so läuft der Auswahl-Prozess im Kronprinzenpalais (Unter den Linden) ab: Zur Wahl stehen noch 30 Entwürfe. Am ersten Tag (9-22 Uhr) wird jeder Entwurf anonym (!) der Jury vorgestellt. Am zweiten Tag diskutiert die Jury, setzt die Rangfolge fest. Der 1. Platz kann, muss aber nicht gebaut werden – das letzte Wort hat der Bundestag.
Der hat bislang erst 3 Mio. Euro für den Wettbewerb bewilligt. Den ersten großen Brocken macht er nur locker, wenn die geplanten 552 Mio. Euro Baukosten eingehalten werden können.
Bild, 17.11.2008
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