Preußen unter den Füßen

Preußen unter den Füßen

Seit letzter Woche hängt das Berliner Schloss wieder in der Luft. Der Baubeginn, für Oktober 2010 vorgesehen, ist nach dem Urteil des Bundeskartellamts gegen den Bauherrn, den Bund, in undeutliche Ferne gerückt. Der Architekt Stella, dessen Entwurf im vergangenen Jahr einstimmig preisgekrönt wurde, gerät durch die rückwirkende Prüfung seiner Wettbewerbsunterlagen ins Zwielicht. Und das Bundesbauministerium, das für den Schlossbau zuständig ist, hat sich nicht nur durch die laxe Handhabung des Wettbewerbs, sondern auch durch die juristisch anfechtbaren Modalitäten der Auftragsvergabe blamiert.

Aber das alles gilt nur für jenes Schloss, das unter dem Decknamen „Humboldt-Forum“ irgendwann in den kommenden Jahren gebaut und – hoffentlich – mit einem zu seiner barocken Fassade passenden Inhalt gefüllt werden wird. Es gibt jedoch noch ein anderes, verschüttetes, zertrümmertes, aber real existierendes Berliner Schloss, von dem fast niemand redet. Es ist gut dreihundert Jahre alt. Und es liegt genau dort, wo das andere, unsichtbare Schloss entstehen soll.

Wenn man mit den Archäologen vom Berliner Landesdenkmalamt von der Breiten Straße aus das Grabungsgelände auf dem Schlossplatz betritt, hat man zunächst Mühe, sich in dem Labyrinth von Ziegel- und Sandsteinmauern, aufgebrochenen Gewölben, abgeschabten Böden und rostigen Eisenteilen zu orientieren. Die Mauerreste, die im rechten Winkel auf den Platz zulaufen, erläutet der leitende Archäologe Michael Malliaris, gehören zur Kirche des einstigen Dominikanerklosters von Cölln. In der Reformationszeit wurde sie zur Hofkirche umgewandelt, ehe sie Friedrich der Große 1747 zugunsten eines neuen Doms abreißen ließ. Wo die mittelalterlichen Fundamentlinien auf eine größere, in Ost-West-Richtung verlaufende Baustruktur treffen, beginnt der Kellerbereich des barocken Hohenzollernschlosses.

(…)

Heute kann man sie betreten. Seit sechzehn Monaten legen die Landesarchäologen die Reste der barocken Unterbauten frei, ein knappes Jahr bleibt ihnen noch für ihre Arbeit. Die Zwischenbilanz, die sie in diesem Sommer ziehen konnten, ist spektakulär: Die Reste des Hohenzollernschlosses sind weit besser erhalten, als alle Experten erwartet hatten.

(…)

Der ganze Ort ist ein unverhofftes Geschenk: eine Schatzkammer der Geschichte mitten in Berlin.

(…)

Und so steht das Berliner Schlossprojekt zehn Tage vor der Bundestagswahl am Scheidepunkt. Will sich der Bund als Bauträger endlich zu seiner Verantwortung für die Gestaltung des Schlossplatzes bekennen und einen realistischen Kostenplan aufstellen? Oder soll das Gewürge, Geschiebe und Gestammel, das Hantieren mit Milchmädchenrechnungen und undurchsichtigen Verträgen noch Monate weitergehen, bevor es zum Knall kommt? Wie eine Allegorie der allgemeinen Ratlosigkeit saß im Pergamonmuseum der italienische Architekt Franco Stella auf dem Podium. Technisch sei vieles möglich, sagte er wieder und wieder, aber es gebe finanzielle Probleme. Dem Mann, so viel steht fest, kann geholfen werden. Aber nicht irgendwann. Sondern jetzt.

FAZ, 17.09.2009