Platz der Harmonie
Sitzen fünf Leute auf einer Bank, sind sich einig, haben sich lieb. Warten darauf, dass einer reinkommt, der die Hausaufgaben gemacht hat. Kommt nur keiner. Was ist da los? Die Rede ist von Wolken. Es herrscht Metaphernseligkeit. Sechs Jahre Rasen wollen verhindert werden und das Kunstmagazin Monopol sowie das „Kulturforum Stadt Berlin der Sozialdemokratie“ luden ins Rote Rathaus, eine Kunsthalle auf Zeit auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Schlossplatzes zu diskutieren. Obwohl – diskutiert werden muss eben irgendwie gar nichts mehr, ist ja kein Gegenredner da. Steht ja angeblich alles schon fest. Da sitzen nun an jenem Mittwochabend vergangener Woche André Schmitz (Berliner Staatssekretär für Kultur), Ingolf Kern (Stellv. Chefredakteur Monopol), Lars Krückeberg (Architekt, Büro Graft), Klaus Staeck (Präsident der Akademie der Künste) und Winfried Sühlo (Kulturforum Sozialdemokratie) gemeinsam auf der Bühne im Rathaussaal und kuscheln.
„Berlin hat sich entschieden“ (wann und wo überhaupt?), sagt Ingolf Kern. Und zwar für den im Sommer 2006 im Monopol-Magazin erschienenen Entwurf des Architektenbüros Graft, das in der hiesigen Presse vor allem immer wieder durch seine freundschaftlichen Beziehungen zu Brad Pitt Aufmerksamkeit erlangt. Sich wie im Urlaub fühlen, nicht ganz verantwortlich für das was geschieht, nicht so richtig hierher gehörig, kommen und gehen wann man wolle – so beschrieben Graft einst in einem Interview das „Berlin-Gefühl“. Dem hat man sich bemerkbar angepasst und die schnulzige Metapher der Wolke gleich wörtlich interpretiert. Außer nebligen Thesen nix gewesen. Der Entwurf der Architekten sieht ein imposantes und zugleich gewichtslos scheinendes, transparentes und nachts leuchtendes Gebäude vor. Eine Wolke eben, die – temporär auf dem Schlossplatz errichtet – jederzeit ihre Reise nach Los Angeles antreten könne. „Dann setzt der Herzschlag Berlins für zwei Jahre aus!“, entfährt es dem Architekten expressiv. Aha.
Das Gute ist, dass Monopol den beherzten Biss in das trockene Brot der Berliner Kulturpolitik wagt, sie schildbürgerhaft an der Nase herum führt, Schwung in die Debatte bringt und damit sogar noch erfolgreich ist. Nur der Belag fürs Brot ist offensichtlich noch nicht ausgewählt und außer reichlich New-Economy-Vokabular à la „Berlin ist jetzt sexy“, „das kriegen wir schon hin“ und „wir brauchen einen Trendscout“ ist nicht viel zu holen auf dieser Veranstaltung im Rathaus. Reichlich grotesk wirkt das auf den Besucher, der dazu nicht einmal ein deutscher Meckerer sein muss. Die Fragen aus dem Publikum bügelt man gleich ganz weg.
Warum man denn nicht besser Gelder für langfristige Projekte mobilisieren wolle und ob überhaupt schon konkrete Pläne zur Finanzierung bestünden, fragt Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss und wird behandelt wie ein schrulliger Kastellan auf Freigang. Darüber solle er sich mal nicht den Kopf zerbrechen, schließlich sei man nicht hier, „um die richtige Lösung auszubreiten“, bellt der Oberwolkenplanchef Krückeberg mit erstaunlichem Dünkel zu ihm herüber.
Wenigstens einem fällt das nach einer gewissen Zeit auch auf: André Schmitz. Berechtigte Zweifel dürften nicht leichtfertig abgewiesen, die Hausaufgaben müssten gemacht werden, vor allem die inhaltlichen. „Ein bisschen was zu diskutieren haben wir schon noch“, so der Staatssekretär. Scheint so, denn noch vor zwei Wochen hatte er sich in einem flammenden Liebesbrief im Berliner Tagesspiegel für das „Grand Projet“ Humboldt-Forum auf dem Berliner Schlossplatz ausgesprochen. Nun also „Bäumchen-wechsel-Dich“ oder reines Kalkül? Vielleicht einfach Sachzwang, ausgelöst durch einen Koalitionsvertrag, der den erklärten politischen Willen beinhaltet, in Berlin endlich wieder eine Kunsthalle zu errichten?
Je später der Abend, desto stärker scheint Schmitz der Ton der Wolkenkuckucksheimer jedenfalls zu missfallen. Aus einem „Das machen wir!“ wird schließlich ein: „Naja, wir brauchen schon mehr als eine Wolke auf dem Schlossplatz“. „Was müsste jetzt getan werden, damit die Wolke ihre Existenzberechtigung bekommt?“, fragt am Ende mit Tränen der Rührung in den Augen Winfried Sühlo. Ganz einfach: Füße dran und fest installieren – aber bitte jenseits des Schlossplatzes!
artnet.de, 13.02.2007
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