„Neil MacGregor wird Gründungsintendant des Humboldt-Forums“

08.04.2015       Frankfurter Allgemeine Zeitung

Das entstehende Humboldt-Forum bekommt einen höchst prominenten Gründungsintendanten: Der Direktor des Britischen Museums wird nach Berlin wechseln und die Einrichtung im rekonstruierten Stadtschloss entscheidend begleiten.

Von Andreas Platthaus

Er war, wie die Spatzen von den Dächern pfiffen, der Lieblingskandidat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters für den Posten des Direktors im Humboldt-Forum, jenem interkulturellen Ausstellungs- und Forschungshaus, das im gerade neu entstehenden Berliner Stadtschloss seinen Platz finden soll. Doch Neil MacGregor gab Frau Grütters für die Leitungsaufgabe einen Korb. Umso stolzer kann die Staatsministerin sein, dass es ihr nun immerhin gelungen ist, den 1946 geborenen Schotten – zusammen mit dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp und dem Archäologen Hermann Parzinger, der die Stiftung Preußischer Kulturbesitz leitet – als Gründungsintendant* des Humboldt-Forums zu gewinnen.

MacGregor gibt dafür einen Traumjob auf: den des Direktors des Britischen Museums in London, den er seit 2002 innehat. Im größten Museum des Landes hat er prägend gewirkt, durch Erweiterungsbauten und die Neukonzeption der Sammlung hin zu genau jenem Konzept, das auch das Humboldt-Forum auszeichnen soll: dem des interkulturellen Dialogs.

Drei Vorhaben, die sich gut ergänzen

An diesem Mittwochmorgen haben die deutsche Kulturstaatsministerin und das Britische Museum jeweils in Pressemitteilungen das Ausscheiden MacGregors zum 31. Dezember dieses Jahres in London und seinen Wechsel nach Berlin bekanntgegeben. Dort wird die Gründungsintendanz von Oktober an als beratendes Gremium über einen Zeitraum von zunächst zwei Jahren inhaltliche Schwerpunkte setzen und voranbringen.

Allerdings bekommt ihn die deutsche Hauptstadt nicht komplett, denn McGregor will seine Arbeitszeit künftig auf drei Aufgaben verteilen: Neben der Gründungsintendanz in Berlin wird er für die BBC eine neue Radioserie konzipieren, mit der er den Erfolg seiner bisherigen drei Funkreihen fortsetzen möchte, die sich wichtigen Objekten der Menschheitsgeschichte, Shakespeare und der deutsche Geschichte gewidmet haben. Thema der jetzt geplanten Serie ist „Glaube und Gesellschaft“.

Daneben wird MacGregor in der indischen Metropole Mumbai im dortigen noch aus der britischen Kolonialzeit stammenden CSMVS-Museum beim Aufbau einer neuen Präsentation zu den Weltkulturen mitarbeiten. Dass sich diese drei Vorhaben inhaltlich gut ergänzen, ist leicht zu sehen.

Wichtigster Repräsentant in der Aufbauphase

Monika Grütters betont in ihrer Presseerklärung, dass es neben MacGregors umfassender Erfahrung mit den verschiedenen Weltkulturen, die sich seiner bisherigen Tätigkeit an dem Londoner Universalmuseum verdankt, auch dessen „tiefes Wissen über Deutschland“ ist, dass ihn für die Humboldt-Gründungsintendanz prädisponiert. Erst im vergangenen Jahr hatte MacGregor eine vielbeachtete Ausstellung im Britischen Museum zur deutschen Geschichte gestaltet. Nun darf man sie als Vorgeschmack auf seine Ratschläge betreffs der Konzeption des Humboldt-Forums begreifen: Anschaulichkeit war Trumpf, ohne dass dabei vertiefende Informationen auf der Strecke geblieben wären. Immer aber steht im Kern der MacGregorschen Arbeit das Objekt.

Er selbst lobt denn auch in seiner Erklärung zum Ausscheiden am Britischen Museum die „outstanding resources of the Berlin collections“, aus denen das Humboldt-Forum ja schöpfen soll. Dass er mit „resources“ nicht die finanziellen Mittel, sondern die Sammlungsbestände meint, ist klar, aber trotzdem dürfte ein entscheidender Grund für die Annahme der neuen Aufgabe auch darin liegen, dass MacGregor künftig nicht mehr selbst im Mittelpunkt der Bemühungen um die Gewinnung von Sponsoren für seine Institution stehen will.

Das Humboldt-Forum ist geteilte Staats- und Landessache, und mit der Gründungsintendanz sind keine unmittelbar administrativen Aufgaben verbunden. Dass MacGregor trotzdem bis zur Bestallung des eigentlichen Direktors (an der er entscheidend beteiligt sein wird) der wichtigste Repräsentant des Humboldt-Forums während der Aufbauphase sein wird, dürfte allen Beteiligten klar sein.

Weder abgehoben noch regional begrenzt

Mit seiner Zusage wird es zugleich der regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, etwas schwerer haben, seine kürzlich geäußerte Vorstellung, einen Teil des Humboldt-Forum einer Ausstellung zur Stadtgeschichte zu widmen, durchzusetzen. Damit sollte die verbreitete Befürchtung entkräftet werden, mit der neuen Institution werde ein wissenschaftlich abgehobenes Multikulti-Zentrum geschaffen, das sich um die Interessen einer breiten Öffentlichkeit gar nicht kümmere.

Das ist mit MacGregors Eintritt in die Intendanz nicht mehr zu befürchten. Mit ihm dürfte aber auch eine regional fixierte Präsentation nicht zu machen sein. Wer das Britische Museum, den Stolz der Nation, programmatisch auf internationalen Kurs gebracht hat, der wird im von Beginn an als interkulturelles Zentrum geplanten Humboldt-Forum nicht zurückrudern wollen.

 

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2015

 

 

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