Moderne ans Werk!
Gerade im Schloss kann zeitgenössisches Bauen triumphieren
Ist der Bundestag in Sachen Baukultur reaktionär? Im Berliner Parlaments- und Regierungsviertel merkt man nichts davon. Es dominieren Schultes und Braunfels; die großen und kleinen Kuppeln sind von Foster und Peichl, nicht von Wallot oder Stüler. Der Schlossplatz ist ein anderer Fall, dem sich kluge Parlamentarier folglich anders genähert haben. Hier stand Berlins historisch wie städtebaulich zentraler Bau. Seine Fassaden werden jetzt nicht aus eigenem Recht rekonstruiert, sondern abgeleitet aus Historie und Städtebau. Das war keine primär architektonische Entscheidung; damit ist es keine Niederlage des zeitgenössischen Bauens.
Die Einengung durch die Fassadenvorgabe sollten Wettbewerbsteilnehmer und Jury akzeptieren. Der Bauherr ist schließlich kein wilhelminischer Privatnostalgiker, sondern unsere Volksvertretung. Mehr Legitimität für seine Entscheidungen hat keiner im Land. Auch die Stadt, also die oberste Planungsinstanz, will den Bau.
Wer die Fassadenvorgabe als Architekt unzulässig einengend findet, der müsste ab sofort seine Tätigkeit auf einem weiten Feld einstellen: dem gesamten Bauen im Bestand. Da sind die Vorgaben noch weit enger als hier, wo es um drei Außen- und drei Hoffassaden geht. Thema auf dem Schlossplatz ist das Bauen im imaginären Bestand: Es gab ihn, es soll ihn wieder geben, er war mental sowieso nie ganz weg. Was für ein Beweis übrigens für die Kraft von Architektur: Sie kann für ein halbes Jahrhundert physisch verschwinden und ist doch nicht totzukriegen. Im Inneren ist zeitgenössische Museums- und Kommunikationsarchitektur gefordert. Die Herausforderung des Wettbewerbs besteht darin, hier die beste Form der Korrespondenz von innen und außen zu finden. Innovationskraft ist gefragt, nicht Nachmodellieren.
Mag sein, dass der Wettbewerb mit Anforderungen überfrachtet ist: Schlossfassaden der Vergangenheit sollen her und Ausstellungsräume der Zukunft. Die Keimzelle Berlins soll in Erinnerung geraten, ein äußerlich barocker Bau entstehen, aber möglichst auch eine Reminiszenz an den DDR-Palast. Wenn all das zu viel ist für ein Haus, dann wird der Wettbewerb dies entlarven. Dann müssen Jury und Bauherren sehen, wo sie Abstriche machen. Wenn aber ein zeitgenössischer Architekt die Synthese schafft, dann müssen wir vor ihm tief unseren Republikanerhut ziehen. Dann triumphiert die Moderne viel eindrucksvoller, als sie es mit einem reinen Neubau könnte.
Roland Stimpel
Deutsches Architektenblatt, 19. 01.2008
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