Mehr als nur Fassade
Wahrzeichen: Das Berliner Stadtschloss rückt näher
Heute läuft die Bewerbungsfrist für den Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ab. Damit beginnt die erste Stufe eines Prozesses, dessen Ergebnis die Schlossfreunde auf ihren Internetseiten schon vorwegnehmen: die Hohenzollernresidenz des achtzehnten Jahrhunderts als moderner Museumsbau mit barocker Schlüter-Fassade, komplett mit der von Schlüter und Schadow gebauten Kuppel und möglichst vielen rekonstruierten Innenräumen. So könnte es kommen – wenn die Bauherren, der Bund und das Land Berlin, über unbegrenzte Budgets und Heerscharen williger und talentierter Architekten verfügten. Aber davon kann keine Rede sein. Und so wird, wie in den sechzehn langen Jahren der bisherigen Schlossdebatte, auch von anderen Dingen die Rede sein.
Einen Vorgeschmack auf die Diskussionen, die den Schlosswettbewerb begleiten werden, hat der englische Architekt David Chipperfield, Mitglied der achtköpfigen Fachjury, vor Weihnachten in einem Interview gegeben. Das Schlossprojekt, sagt Chipperfield, werde übers Knie gebrochen, der Parlamentsbeschluss zum Wiederaufbau würge alle ästhetischen Diskussionen ab, und ein moderner Bau „in alten Proportionen“ wäre ihm lieber. Außerdem fehle das nötige Geld, um eine „nette Augentäuschung“ mit historischen Fassaden ins Werk setzen zu können.
Damit ist die Konfliktlinie abgesteckt, an der sich die Kombattanten im absehbaren Streit um das Stadtschloss aufstellen werden. Natürlich ist die vom Parlament gewünschte Barockhülle des Gebäudes ein Ergebnis politischer, nicht ästhetischer Erwägungen. Sie gibt die Antwort auf die Frage, wie sich die Berliner Republik in der zukünftigen Mitte ihrer Hauptstadt architektonisch darstellen will. Dass diese Selbstdarstellung nicht in zeitgenössischen, sondern in historischen Formen stattfindet, mag man, wie Chipperfield, als Zeichen von Schwäche deuten. Man kann es aber auch als Ausdruck eines Selbstbewusstseins lesen, das sich zu den vordemokratischen Wurzeln des Staates bekennt, statt sie durch forcierte Modernismen zu übertünchen. Das teilrekonstruierte Stadtschloss – viel mehr als eine Rekonstruktion der Fassaden und Schlosshöfe steht nicht zur Debatte – wird neben dem Reichstag und dem Brandenburger Tor das dritte Wahrzeichen des wiedervereinigten Deutschland sein.
Die Achillesferse des Projekts liegt darin, dass der Bund gerade den wichtigsten Teil des Neubaus, die Barockfassade, auf die schwächsten Schultern gelegt hat. Der „Förderverein Berliner Schloss“ unter Wilhelm von Boddien soll die geschätzten Baukosten von achtzig Millionen Euro aus privaten Spenden erbringen. Bisher sind erst sieben Millionen Euro an Spendenmitteln geflossen, von denen der Verein offenbar einen Teil bereits verbraucht hat. Die Spendenflut, die bis zum geplanten Baubeginn im Jahr 2010 erforderlich wäre, wird wahrscheinlich ausbleiben. Dass der Bundesbauminister nun sogar „die Interessierten außerhalb Deutschlands“ zu Geldgaben aufruft, zeigt, wie wenig er inzwischen seinem früheren Optimismus traut.
Das Berliner Stadtschloss ist, wie alle nationalen Bauvorhaben, ein Objekt symbolischer Politik. Die Gegner der Barockfassade rekrutieren sich zu einem nicht geringen Teil aus den Anhängern des Palastes der Republik, dessen Abriss sich weiter verzögert. Die DDR, deren Staatssymbol damit verschwindet, soll im „Humboldt-Forum“, das den Schlossbau füllen wird, einen Platz an der Spreeseite im Osten bekommen, dort, wo vor der Sprengung ein Ensemble aus Mittelalter- und Renaissancebauten stand. Auch die Weitergabe der Fassadenkosten an den Schloss-Verein folgt einer symbolischen Logik, die den Bau als Gegenstand zivilen Engagements, als „Bürgerschloss“, etikettieren will.
Aber diese Logik ist schwach. Das Hohenzollernschloss war nie ein Bürgertreff, und das „Humboldt-Forum“ des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird kein preußisch aufgehübschter Republikpalast sein. Das neue Stadtschloss ist ein Staatsschloss und eine Schatzkammer deutscher Kulturgeschichte. Deshalb ist es richtig, hier ein Wissenschaftsmuseum aus dem Geist Humboldts zu schaffen, und deshalb sollte man sich nach wie vor überlegen, ob die Gemäldesammlung der Hohenzollern nicht hier, in der Mitte Berlins, besser als in einem Neubau am nördlichen Ende der Museumsinsel präsentiert werden kann.
Bis Anfang März will das Bundesbauministerium aus den Einsendungen der Architekten einhundertfünfzig Entwürfe auswählen, die der Wettbewerbsjury vorgelegt werden. Allmählich wird es Zeit für ein entschiedenes Signal der deutschen Politik, dass sie sich zu ihrer Verantwortung für das Berliner Schloss bekennt. Der Parlamentsbeschluss vom 4. Juli 2002 hat die Vorgaben für den Neubau klar formuliert. Jetzt ist der Moment gekommen, ihn durchzusetzen.
ANDREAS KILB
FAZ, 23.01.2008
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