Lichtgestalten am Kunsthimmel
Selten waren sich Architekten, die Kulturszene und die Politik so einig: Auf dem Schlossplatz soll eine temporäre Kunsthalle entstehen – in Form einer Wolke. ist damit die anarchische Zwischennutzung endlich im Establishment angekommen?
In den vergangenen Wochen verdichteten sich die Ideen zur Zwischennutzung zu einer Wolke, die strahlend weiß über dem Schlossplatz schwebt und alle Sehnsüchte bedient. Das ebenso anmutige wie spektakulär geschwungene Gebilde stammt aus dem Labor der Berliner In-Architekten „Graft“.
Auch die Idee ist noch luftig: Bisher existiert nur eine Computersimulation, weder die konkrete Ausgestaltung noch Baukosten oder Finanzierung sind bekannt. Aber bestechend ist sie auch: Ein temporärer Bau, der später ab- und in anderen Metropolen der Welt wieder aufgebaut wird. Damit, so das Argument der Initiatoren, könne sich die Stadt, die von Kultur und Tourismus lebt, besser profilieren als mit dem öden Rasen, mit dem der Senat bisher den Platz bedecken wollte.
Das Establishment griff diesen Gedanken begeistert auf: Kulturstaatssekretär André Schmitz findet ihn „grandios“, Kunstmäzen Peter Raue und andere Privatleute wollen Geld geben, auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat dem Vorhaben seine Unterstützung zugesagt. Selbst Wilhelm von Boddien, unermüdlich Kämpfer für das Stadtschloss, findet die Halle in Wolkenform „zauberhaft“ – solange sie rechtzeitig zum Baubeginn des Humboldt-Forums wieder weg ist.
Wowereits Prestigeobjekt
Alice Ströver, seit Jahren eine der schärfsten Beobachterinnen der Schlossplatzdebatte, weiß aber auch, dass das Wolkige des Entwurfs gleichzeitig seine Attraktivität ausmacht – zumindest für den regierenden Bürgermeister und seinen Kulturstaatssekretär. Die ganze Idee einer temporären Kunsthalle, gestaltet von weltberühmten Architekten, ist ein typisches Prstigeobjekt von Klaus Wowereit, so vermutet nicht nur Alice Ströver. Mit dem spektakulären Bau könnte er sich ein Denkmal als Kunstförderer setzen – und die Diskussion um eine dauerhafte Kunsthalle ein paar Jahre hinausschieben.
Zeitgenössiche Kunst ist extrem populär und ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor – genau wie Gegenwartsarchitektur. Mit einem todschicken Gebäude, das Kunstkenner aus aller Welt anlockt und noch dazu privat betrieben wird, hofft Wowereit einen spektakulären Coup zu landen wie einst Bundeskanzler Gerhard Schröder, der die Flick-Collection in den Hamburger Bahnhof geholt hatte.
Bevor sich die Berliner Glamour-Boys aber daranmachen, auf dem Schlossplatz für wenige Monate und einige Millionen eine Wolke hochzuziehen, gibt es noch ein paar Hindernisse: Den alten Palast, der vor 2008 nicht das Feld räumen wird, das Abgeordnetenhaus, das zustimmen muss. Und einen großen weißen Kubus, der eine grüne Wiese ziert. Mit diesem Vorschlag haben sich die Ausstellungsmacherinnen Coco Kühn und Constanze Kleiner in die Debatte zurückgemeldet. Mit dem pragmatischen Bau, der wie das Original von 2005 die Kunst in den Vordergrund rückt, wollen die Initiatoren des „White Cube Berlin“ wieder mitmischen.
Dass der Senat endlich verstanden hat, wie wichtig Kunst für die Stadt ist, begrüßen die beiden. Aber: „Niemand versteht, wieso zurzeit nur über die „Wolke“ gesprochen wird“, wundert sich Coco Kühn. Ihr Entwurf, den sie Anfang März samt Konzept für eine private Finanzierung öffentlich vorstellen wollen, soll „das Gegenteil einer Wolke“ sein: Preisgünstig, solide und mit vielen geraden Wänden, die Platz für die Kunst lassen. Denn um die soll es auf dem Schlossplatz schließlich gehen.
taz, 21.02.2007
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