Licht aus!
Von Dankwart Guratzsch
Die letzten Stahlträger des Palasts der Republik wurden demontiert. Bald wird er ganz verschwunden sein. Die Lücke, die er hinterlässt, wird sich schnell wieder schließen.
Der Palast der Republik in Berlin haucht mit dem Funkenregen der Stahlschneider in diesen Tagen seinen letzten Funken Leben aus. Zurzeit werden die letzten gerippeartig in den Himmel sprießenden Stahlträger demontiert. Sehr bald wird die Fläche, auf der einst das Berliner Schloss stand, dann leer geräumt sein. Damit geht ein zentrales Stück DDR-Geschichte zu Ende.
Viele Mythen, viele Emotionen, viele Empfindlichkeiten schwingen mit, wenn über dieses Ende eines Bauwerks debattiert wird, das immer nur das Denkmal einer Hälfte des Landes war. Das Werk des DDR-Architekten Heinz Graffunder, fertiggestellt 1976, ist als ein volksdemokratischer Gegenentwurf zum Schloss der Hohenzollern zu verstehen, das Ulbricht gegen Proteste aus Ost und West hatte sprengen lassen. Der „Ballast“, wie er im doppeldeutigen DDR-Jargon oft apostrophiert wurde, verfügte über 37 100 Quadratmeter Hauptnutzfläche in sechs Geschossen, 106 Büros und 23 Sitzungsräume, dazu 17 Restaurants sowie zwei Säle (darunter der alte Plenarsaal der Volkskammer). Durch Asbestbelastung war eine Nutzung nach den geltenden gesundheitspolitischen Vorschriften ausgeschlossen. Der Originalbau hätte deshalb von Grund auf wie eine Ruine „rekonstruiert“ werden müssen, wenn man sein Bild für künftige Generationen hätte bewahren wollen. Hier musste der architektonisch nicht gerade anspruchsvolle Bau gegenüber dem Schloss des großen Barockbaumeisters Andreas Schlüter unterliegen, das ein Denkmal aller Deutschen war und einen Kern deutscher Nationalgeschichte symbolisiert.
Tatsächlich stellte der Bau seiner Konzeption nach eine Wiederbelebung des Gedankens des „Volkshauses“ dar, wie ihn insbesondere der Architekt Bruno Taut nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt hatte. In der Kombination von Festsälen für die Bevölkerung und parlamentarischer Volksvertretung verwirklichte sich für diesen Hymniker eines „neuen Bauens“ der Traum einer ungegängelten Volksfröhlichkeit und Volksgemeinschaft, die an die Stelle hierarchischer Strukturen des Obrigkeitsstaates alter Prägung hätte treten sollen. Bis heute weint dieser Vision so mancher gutgläubige Nostalgiker einer „neuen Gesellschaft“ Tränen nach.
Was freilich die DDR daraus gemacht hat, unterschied sich fundamental von der Vorlage. Für den Stasi-Staat war die Bauhülle mit den geheimbrillenartig gefärbten Glasfassaden die größte Abhöranlage, die in Deutschland jemals installiert worden ist. Kameras in den Kronleuchtern und Richtmikrofone unter den Tischen und hinter den Gemälden der Staatskünstler ermöglichten die „Beschattung“ und perfekte Dokumentation jeder Veranstaltung und Person, die die Räume nutzte. Private Jugendweihe- und Hochzeitsfeiern, Klassentreffen und Betriebsfeste konnten dabei bis zu Flüstergesprächen überwacht werden, so wie ja selbst die „Volksvertreter“ in den Wandelgängen, Besprechungszimmern und im Plenarsaal auf Schritt und Tritt ausgehorcht wurden.
Wenn viele an das Haus nur die Erinnerung an unbeschwerte Festlichkeit und die „guten Seiten der DDR“ bewahren, sind sie auf diesen Doppelcharakter des Bauwerks hereingefallen. Der Palast der Republik war mit seiner geheimen Innenausstattung in Wahrheit zugleich die größte Falle der Republik. Der allzu forsche Sanierungswahn der ersten Nachwende-Hausherren hat diese Spuren zum Verschwinden gebracht. Vor der Asbestbeseitigung war dies die erste „Entgiftungsmaßnahme“, und sie ist wesentlich verantwortlich dafür, dass das Bauwerk schon lange vor Beginn des Abrisses seinen Charakter als originalgetreues Denkmal der DDR-Geschichte verloren hatte.
Jenseits aller politischen, bautechnischen und kunsthistorischen Wertungen bleibt festzuhalten, dass in den jetzt endgültig versinkenden Mauern des DDR-Palastes aber auch gesamtdeutsche Geschichte geschrieben wurde: Im Plenarsaal stimmte die erste frei gewählte Volkskammer für die deutsche Wiedervereinigung. Ein Feldzug „des Westens“ gegen DDR-Relikte ist der Abbruch schon aus diesen Gründen nicht. Zahlreiche Bauwerke aus DDR-Zeit wie das benachbarte Staatsratsgebäude oder die früher so genannte Stalinallee stehen unter Denkmalschutz. Die Tradition des „Volkshauses“ lebt in den vielfach weit ehrgeiziger als der Palast gestalteten „Kulturhäusern“ der DDR-Provinz fort, die einmal nicht ohne Süffisanz die „Salons der Sozialisten“ genannt worden sind.
Die Welt, 18.07.2008
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