Lesehilfe für ein Ding ohne Namen
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Es geht in der Tat um Prinzipielles beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses, nicht nur, was die Fassade betrifft. Es geht zum Beispiel darum, ob ein Bundesbauminister die Kosten für eine Kuppel, die den Schlossbau zum dritten Wahrzeichen Berlins nach dem Reichstag und dem Brandenburger Tor machen würde, in Autobahnkilometer umrechnen darf. Würde man diesen Maßstab an sämtliche Bauprojekte des Bundes anlegen, dann könnte man etwa mit den eineinhalb Milliarden für den hauptstädtischen Neubau und den Umzug des Bundesnachrichtendienstes die halbe Strecke von Berlin nach München bauen. Aber Peter Ramsauer wollte gar nicht ernsthaft die Rekonstruktion der Schlosskuppel Friedrich August Stülers gegen die anstehende Asphaltierung des Südharzes abwägen. Er wollte zeigen, dass ihm die Kuppel gleichgültig ist.
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Auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unter deren Ägide das Weltkulturenmuseum alias Humboldt-Forum in dem Bau Gestalt annehmen soll, verkauft ihr Konzept der Agora im Eosanderhof mit einer Ansicht jenes Innenrisalits vom westlichen Schlossportal, der selbst bei einer allmählichen Vervollständigung der Fassade erst zuallerletzt gebaut würde. Man könnte diesen hartnäckigen Illusionismus als Verteidigung der Schlossvision in Schutz nehmen. Aber seit dem Ende des Architektenwettbewerbs im November 2008 ist das Schloss keine Vision mehr, sondern ein vollständig durchgeplantes Gebilde, das nur noch Realität werden muss. Dafür, und nicht nur für ein Stahlbetongerippe, haben die Abgeordneten des Bundestags im Juli 2002 mit Dreiviertelmehrheit gestimmt. Es sieht nicht so aus, als ob sie es bald bekämen.
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Im vergangenen Januar bestellte dann der Kulturstaatsminister, dem die konzeptionelle Misere der Preußenstiftung nicht gleichgültig sein kann, eine Expertenrunde ins Kanzleramt, um die Möglichkeit zu diskutieren, vorab einen künstlerischen Intendanten für das Gesamtprojekt zu berufen. Das Treffen blieb ohne Ergebnis. Die Preußenstiftung will sich vorerst weder in die Einrichtung des Humboldt-Forums hineinreden lassen noch ein neues, verbessertes Konzept vorlegen. So bleibt auch bei der Innengestaltung des Schlosses alles in der alten, lähmenden Schwebe.
Ein verstaubtes Völkerkundemuseum darf das Humboldt-Forum nicht werden, ein Palast der Weltkulturen kann es mit den vorhandenen Mitteln nicht werden, und ein Schatzhaus der Künste mit Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett und Kunstgewerbesammlung soll es nach dem Willen seiner Hüter nicht werden. Bisher ist die Bundeskulturpolitik unter Bernd Neumann ganz gut ohne ein Machtwort der Kanzlerin ausgekommen. Beim Humboldt-Forum und beim Schlossbau wäre es jetzt an der Zeit.
FAZ, 04.05.2010
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