Kunstkammer und Gedanken eines Scherzes
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Die Berliner sind nun einmal schnell und kreativ. Das kann man von den Kulturpolitikern, Schlossherren und Museumsmachern nicht behaupten. Im Gegenteil: Das Humboldt-Forum ist noch immer ein vages Luftschloss mit unklarer Zukunft. Zwar will man in das potemkinsche Barockphantom, das sich Deutschland immerhin 552 Millionen Euro kosten lässt, einiges unterbringen: das Ethnologische Museum, das Museum für Asiatische Kunst, die Zentral- und Landesbibliothek sowie Abteilungen der Humboldt-Universität.
Ein bisschen Licht ins Dunkel
Doch wie man das Gebäude bespielen und die einzelnen musealen und wissenschaftlichen Komplexe vernetzen könnte, weiß noch niemand genau. Ein bisschen Licht ins Dunkel will jetzt eine Ausstellung bringen, die, zwei Steinwürfe vom irgendwann wieder rekonstruierten Schloss entfernt, im Alten Museum eröffnet wurde: „Anders zur Welt kommen. Das Humboldt-Forum im Schloss. Ein Werkstattblick“ lautet der umständliche Titel. Es ist eine Entdeckungsreise in die Welt des Wissens und Forschens, Archivierens und Deutens.
Die alten Ideen der „Kunstkammer“ und des von Leibniz erfundenen „Gedankenscherzes“ werden aufgenommen, ein „Wissenstheater“ wird ausgebreitet und der Besucher als Weltreisender durch Jahrhunderte und Kontinente geführt.
Mikroskope und Fernrohre, Landkarten und Schiffsmodelle, Muscheln und Schwerter, Gewänder und Kultgegenstände: Unzählige Objekte werden gezeigt, um Themen wie Macht und Tod, Migration und Ritual einzukreisen. Mit den derzeit modischen Mitteln der Museumspädagogik – inklusive Leseecken und Ruheliegen, Video-Endlosschleifen und Laborversuchen – geht es um koloniale Geschichte und Verschleierung in islamischen Gesellschaften, Götterinszenierungen in Indien und indonesische Schattenspiele: Der Besucher ist überall und nirgends, mal im Königreich von Benin, mal im Busch von Brasilien, mal bei den pazifischen Bootsbauern, mal bei den nordamerikanischen Indianern.
Vieles bleibt offen
Auf engstem Raum ist so viel zu sehen und zu lesen, dass einem schwindelig werden kann. Die Ausstellung will Möglichkeiten des interdisziplinären Dialogs andeuten, aber welches inhaltliche Erkenntnisinteresse sie verfolgt, bleibt unklar. Im Unklaren ist überdies, ob diese Art von Ausstellungen sich überhaupt im geplanten Schlossbau realisieren lassen. Von der Binnenarchitektur des Gebäudes ist bislang nichts bekannt.
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Mannheimer Morgen, 15.07.2009
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