Königskrone zwischen Blumenbeeten
Mehr als 50 Jahre lagen sie im Garten eines Köpenicker Einfamilienhauses zwischen Geranien, Rosen und Trompetenbäumen: zwei Widderköpfe, eine Königskrone, ein Löwenkopf und mehrere kleine Ornamente aus der Fassade des 1950 gesprengten Berliner Schlosses. Gestern haben die Besitzer die historischen Fragmente aus sächsischem Sandstein dem Förderverein Berliner Schloss übergeben, damit die Teile für die Rekonstruktion des Schlosses verwendet werden können.
„Ich habe immer gewusst, dass es sich um Teile des Schlosses handelt“, sagte die 69-jährige Lisa K., die mit ihrem Mann in dem Haus lebt. Ihr Vater, der Architekt Peter Neumayr, hatte die Überreste damals nach der Sprengung des Schlosses mit nach Hause gebracht, berichtet sie. Ihr Vater sei für den Wiederaufbau des Zeughauses Unter den Linden zuständig gewesen. Neumayr gehörte zu denjenigen, die gegen den Abriss des im Krieg beschädigten Schlosses protestierten – jedoch vergeblich. Immerhin konnte er einige wenige Teile des Fassadenschmucks vor dem Abtransport auf eine Schutt-Deponie retten: Im Garten seines Wohnhauses trotzten die Sandstein-Fragmente Regen, Schnee und Eis.
Restaurator bekam Tipp
Dass seine Familie die Schmuckstücke nun wieder herausgibt, hat einen bestimmten Grund: „Wir wollten, dass die Teile in die richtigen Hände kommen“, sagte Lisa K., die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Bei einem privaten Treffen informierte ihr Bruder den Restaurator Carlo Wloch, der die Planung für die Fassadenrekonstruktion des Berliner Schlosses begleitet. „Ich sagte ihm, ich glaube, ich hätte da was für dich“, erinnert er sich. Wloch, der schon beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche mitwirkte, reagierte gestern begeistert, als er die Schmuckstücke im Garten sah. „Das ist eine Sensation“, sagte er über den Fund der Königskrone. Unter den erhaltenen Überresten des Schlosses habe es bislang keine Königskrone gegeben. Die Krone stammt wahrscheinlich vom innenliegenden Portal II oder vom Portal IV des Eosanderhofs. Dort war sie als Bekrönung des Portals verbaut worden. Ein kleiner Widderkopf, der in dem Köpenicker Garten eine Steinmauer zierte, diente am Schloss rechts und links von den Fenstern als Verzierung. Ein anderer Widderkopf, der neben einem Rosenbeet lag, war früher Teil der Ornamente eines Portals. Ein etwa 15 Zentimeter großer Drachen, ein kleiner Engelskopf und ein Adler sind weitere Funde aus dem Garten. An einem Podest neben einem Bootshaus finden sich zudem ein weiterer Adler und ein Elefant. Ein bisschen wehmütig sei sie schon, sagte Lisa K., als die Schloss-Reste abtransportiert wurden. Dass sie für den Wiederaufbau des Schlosses verwendet werden, sei jedoch ganz im Sinne ihres Vaters.
„Wir wollen die Teile wieder einbauen“, sagte Wilhelm von Boddien, der Geschäftsführer des Fördervereins Berlins Schloss. Wichtig seien die erhaltenen Reste aber auch, weil anhand ihrer Größe die verlorengegangenen Schmuckelemente besser rekonstruiert werden können. „Wir hoffen, dass es noch mehr Menschen gibt, die Reste des Schlosses gerettet haben und uns diese zur Verfügung stellen“, sagte von Boddien. Selbstverständlich werde ein Finderlohn dafür gezahlt. Die Höhe richte sich nach dem Fundstück. Wem die Schlossteile heute gehören, steht für Boddien außer Frage: „Sie gehören dem Finder, der sie nach dem Abriss mitgenommen hat. Wie beim Sperrmüll. Auch da hat sich der frühere Besitzer schon von seinem Eigentum getrennt.“ Die Köpenicker Familie will allerdings kein Geld haben.
Das Bundesbauministerium bestätigte gestern, dass die erhaltenen Teile wieder verwendet werden sollen. „Unser Ziel ist, Originalteile in den Bau einzufügen, da wo es möglich ist“, sagte Ministeriumssprecherin Vera Moosmayer. Das Portal IV, das im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude eingebaut wurde, weil Karl Liebknecht 1918 von dort die sozialistische Republik ausrief, bleibe jedoch an seinem jetzigen Platz.
Berliner Zeitung, 06.08.2009
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