„Ich rufe Deutschland zum Spenden auf“
Bundesbauminister Tiefensee meint, dass 80 Millionen Euro für die Schlossfassaden aufzubringen sind
Herr Tiefensee, Sozialdemokraten sind bislang nicht bekannt dafür gewesen, dass sie Schlösser bauen. Wie fühlen Sie sich in dieser neuen Rolle?
Ich bin zufrieden, dass in meiner Amtszeit der Bundestagsbeschluss zur Wiedererrichtung des Schlosses, der Bau des Humboldt-Forums, umgesetzt werden kann, dass wir eine finanziell tragfähige Lösung gefunden haben und nun den Startschuss für dieses wichtige Projekt gefallen ist. Das freut mich als Sozialdemokrat und als Bürger.
Seit 21. Dezember läuft das Bewerbungsverfahren für den Architektenwettbewerb. Mit welcher Resonanz rechnen Sie?
Ich gehe davon aus, dass es mindestens eine große dreistellige Zahl an Bewerbern geben wird.
Der in die Wettbewerbsjury berufene Architekt David Chipperfield hat Kritik an den Vorgaben des Bundestags zur Rekonstruktion der Barockfassaden geäußert. Er wünscht sich mehr Offenheit für Entwürfe mit moderner Architektur. Hat er recht?
Mittlerweile hat David Chipperfield seine Aussagen geradegerückt und relativiert. Er ist sehr froh, auf der Grundlage des Auslobungstextes in der Jury mitarbeiten zu können und dieses ehrgeizige Projekt mit zu befördern. Die Vorgaben des Bundestages sind eindeutig. Der Bauminister muss sich genauso daran halten wie ein Mitglied der Jury.
Was passiert beim Wettbewerb mit den Entwürfen, die sich nicht an die Vorgaben halten. Werden sie aussortiert?
Wenn sie dezidiert gegen die Vorgaben stehen, können sie nicht berücksichtigt werden.
Die Keller des Schlosses sind ja die einzigen erhaltenen Überreste des 1950 gesprengten Gebäudes, ausgerechnet ihr Erhalt ist laut Wettbewerbsausschreibung aber gefährdet. Wie passt das zusammen, die Obergeschosse zu rekonstruieren, aber die historischen Untergeschosse möglicherweise abzureißen?
Es sind Reste erhalten, von denen einige historischen Wert haben. Die Ausschreibung eröffnet die Möglichkeit, mit diesen Fragmenten umzugehen. Wir sind gespannt auf die Lösungen der Architekten. Vielleicht gibt es gute Vorschläge, die zu realisieren sind.
Würden Sie die historischen Kellergeschosse gerne erhalten?
So weit das die historisch bedeutsamen Teile betrifft und möglich ist, ja. Ein archäologisches Fenster kann ich mir gut vorstellen.
Der Förderverein Berliner Schloss will die 80 Millionen Euro für die Rekonstruktion der historischen Fassaden aus Spenden aufbringen. Für wie realistisch halten Sie dieses Versprechen?
Für sehr realistisch. Ich gehe davon aus, dass der Verein, und an der Spitze Herr Boddien, zu seiner Zusage steht und mit allen Kräften die Umsetzung dieses ehrgeizigen Zieles in Angriff nimmt. Natürlich rufe ich Deutschland und die Interessierten außerhalb Deutschlands auf, uns dabei zu unterstützen, mit namhaften Spenden dieses Ziel zu erreichen.
Werden Sie selbst spenden?
Als Privatperson werde ich mich dazu nicht äußern. Als Minister werde ich bei namhaften Institutionen und Unternehmen dafür werben, zu spenden.
Das Schloss soll ja auch wieder eine Kuppel erhalten. Was finden Sie denn schöner, eine Kuppel mit moderner Architektur oder eine nach dem historischen Vorbild?
Es geht hier nicht nach dem Geschmack des Bauministers. Ich bin sehr gespannt, wie die Architekten diese Aufgabe lösen, und lasse mich gerne leiten von dem, was ich im Kontext zur Gesamtlösung sehe. Es wird ja nicht nur um die Errichtung der historischen Fassaden gehen, nicht nur um das Schloss, sondern auch um die Gestaltung der Ostseite des Gebäudes, für die es keine Vorgaben gibt. Und es wird vor allen Dingen um die Frage gehen, wie die historische Fassade und die Innenräume in Einklang gebracht werden.
In dem neuen Gebäude soll sich ja die gesamte Geschichte des Ortes widerspiegeln. Wie viel Palast der Republik darf es denn sein?
Ein Wunsch wäre, dass in der Architektur – Stichwort Ostfassade – erlebbar wird, dass wir es mit einem Ort mit einer lebhaften Geschichte zu tun haben. Wenn es gelänge, das in der Architektur abzubilden und nicht nur mit Schautafeln, wäre das ein zusätzlicher Gewinn.
Auf dem Schlossplatz soll eine Info-Box entstehen. Wann ist damit zu rechnen, dass sie gebaut wird?
Die Info Box wird vom Land Berlin verantwortet. Ich gehe davon aus, dass sie noch in diesem Jahr entsteht, will man den gesamten Bauprozess zeigen und das Sammeln der Spenden voranbringen.
Die Bundesregierung soll auch prüfen, ob der Bau des Schlosses mit Hilfe einer Lotterie und der Prägung einer Sondermünze mitfinanziert werden kann. Meinen Sie, dass das möglich ist?
Das ist sicherlich möglich. Aber das muss noch geprüft werden. Bei anderen Bauprojekten wie der Dresdner Frauenkirche ist das ja gut gelungen, warum sollen wir bei unserer Prüfung nicht auch zu einem positiven Ergebnis kommen, warten wir es ab.
Insgesamt soll das Schloss inklusive der Ersteinrichtung 552 Millionen Euro kosten. Was macht Sie so zuversichtlich, dass dieser Kostenrahmen auch eingehalten wird?
Es geht nicht um Zuversicht, sondern bei jedem Bauvorhaben um ganz solide Berechnungen beziehungsweise Kostenschätzungen. Wir gehen von den uns jetzt zugänglichen Daten aus, prognostizieren die Entwicklung der Baupreise und kommen zu dem Ergebnis, dass das Bauwerk für 480 Millionen Euro zu errichten ist. Davon entfallen 80 Millionen Euro auf die Rekonstruktion der Fassade. 72 Millionen Euro sind zusätzlich für die Ersteinrichtung des Gebäudes angesetzt. Wir haben eine feste Kostenobergrenze, die wir einhalten werden.
Hätten Sie die Entscheidung zum Abriss des Palastes der Republik eigentlich genauso getroffen?
Ja. Das war ein Bauwerk, für das es kaum eine wirtschaftliche Nutzung gab und das – wie wir wissen – fast bis auf den letzten Quadratzentimeter asbestverseucht war. Es war ein Bauwerk, das nicht überleben konnte. Wichtig ist, dass wir die Geschichte nicht mit dem Abriss aus dem Gedächtnis verdrängen, sondern nach Möglichkeiten suchen, der Nachwelt vor Augen zu führen, dass es an diesem Ort auch jenseits des Hohenzollernschlosses eine Geschichte gegeben hat. Auch den Abriss des Schlosses will ich ausdrücklich erwähnen, die Verlagerung des Schlütertores, all das gehört zur Geschichte.
Das Gespräch führte Ulrich Paul.
Berliner Zeitung, 17.01.2008
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