Herausragend!

Herausragend!

Von Hans Stimmann

Hanno Rauterberg hat die Pläne für das Berliner Humboldt-Forum als „totalitär“ beschrieben. Diese Kritik ist perfide. Der Entwurf hat große Qualitäten
Spätestens die emotionalen, zuletzt fast hysterisch anmutenden Debatten über die Legitimität der vom Deutschen Bundestag mit fraktionsübergreifender Mehrheit beschlossenen Teilkonstruktion von drei Schlossfassaden für das Humboldt-Forum haben die außergewöhnliche Bedeutung der Auseinandersetzung für das Selbstverständnis Deutschlands überdeutlich gezeigt. Mit diesem Projekt soll in der Mitte der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands ein realer und symbolischer Zukunftsort als »geistige Mitte der europäischen Metropole Berlin« (Auslobung) entstehen. Von hier aus soll sich in der Nachfolge der Brüder von Humboldt »die Weltneugier auf das Fremde und Andere« unserer Zeit richten. Auch wenn das Raumprogramm für die verschiedenen Teile des Humboldt-Forums im Wettbewerb genau beschrieben wurde, weiß man um die gewaltigen Anstrengungen, die noch notwendig sind, um diesen Anspruch umzusetzen.

Offensichtlich ist für viele Beobachter des Baugeschehens der Hauptstadt diese Herausforderung einer kritischen Begleitung der Humboldt-Forum-Planer für ein Konzept, das den Kunstgenuss gleichberechtigt neben die Auseinandersetzung mit der Globalisierung stellt, zu anspruchsvoll, um daraus Schlagzeilen zu produzieren.

Es geht doch darum, für wen und warum gebaut werden soll

Stattdessen bleibt man lieber bei den seit Jahrzehnten vorgetragenen »bewährten« Argumenten beziehungsweise Abneigungen gegen jegliche städtebauliche und architektonische Rekonstruktion, und sei sie in diesem besonderen Fall im Zentrum Berlins als Ausnahme noch so sorgfältig begründet. Ein besonders perfides Beispiel dieser als Architekturkritik getarnten Schelte der Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die in einem exemplarischen Prozess das Programm, den architektonischen Rahmen und den Finanzrahmen beschlossen haben, findet sich in der ZEIT Nr. 50/08, geschrieben von Hanno Rauterberg. Die Sachpreisrichter, also die Mitglieder des Bundestages Thierse und Fischer, die Bundesminister Tiefensee und Neumann, aber eben auch die Berliner Senatsbaudirektorin Lüscher und der Kulturstaatssekretär Schmitz, haben sich nicht nur für »ein engherziges und mutloses« Konzept entschieden, sondern noch weitaus schlimmer, sie haben auch nicht gemerkt, dass das Denken des Wettbewerbsgewinners Franco Stella »vor allem durch die sogenannte Architektur des italienischen Rationalismus« geprägt sei, »die in den zwanziger Jahren entstand und bald zum Staatsstil der dortigen Faschisten aufstieg«.

Man kann und sollte das Projekt von Stella in einzelnen Dimensionen kritisieren, die Architektur aber »totalitär« zu nennen, um das Wort faschistisch zu vermeiden, ist nicht nur eine gewaltige Entgleisung, sondern fällt leider weit hinter die differenzierten Einsichten der jahrelangen wissenschaftlichen Forschungen und Debatten über Architektur, Macht und Erinnerung zurück, mit denen sich auch der Juryvorsitzende auseinandergesetzt hat. Es ist hier nicht ausreichend Platz, um auch nur andeutungsweise darauf einzugehen, deshalb nur so viel: Bei allen Unterschieden in der Bewertung der unter faschistischen Systemen gebauten Architektur besteht jedenfalls unter Kunsthistorikern und Architekturtheoretikern inzwischen darüber Konsens, dass die »Moderne im faschistischen Italien und der Monumentalismus im NS-Deutschland gleichermaßen im Dienst menschenverachtender Mordsysteme (standen). Deshalb sind rein stilistische Betrachtungen oder eine Wertung nach dem Schema modern versus konservativ/historisierend ohne Einbeziehung von Funktion, Ziel und gesellschaftlichem Hintergrund ungenügend« (W. Nerdinger).

Bei der Übernahme der Verantwortung der Architekten für die Architektur der Stadt oder eines Gebäudes geht es vor allem darum, für welchen Zweck, für wen und in welchem Kontext gebaut werden soll. Unter einem solchen Aspekt der Verantwortungsübernahme ließen sich nicht nur in China oder Dubai zahlreiche Beispiele zeitgenössischer Architekturformen prominenter Architekten aufzählen, die in einem diktatorischen Umfeld entstanden sind und noch entstehen. Was soll also eine solche Verdächtigung bei einem Projekt, dessen Zweck und politischer Kontext über jeden Zweifel erhaben sind? Und auch wenn der Vorwurf »totalitäre Architektur« nicht die diktatorische Methode der Durchsetzung meint, sondern Stellas Lösungen, bleibt er angesichts der Vielfalt der alten und neuen Räume und Raumbeziehungen unverständlich.

Bei der Polemik von Rauterberg unter der Überschrift Eine Residenz der Kälte bleibt deswegen auch alles unbemerkt, was die Qualität des Entwurfes auszeichnet, aber eben auch, wo bei der weiteren Bearbeitung noch Veränderungen guttäten. Herausragend ist zweifelsohne Stellas Idee eines straßenartigen Stadtraumes zwischen den Portalen II und IV. So sollen der neue Schlossplatz und der Lustgarten, aber eben auch die inneren Höfe öffentlich verbunden werden. Wer bei dem Bild der inneren Straße an die politische Gewalt der italienischen Faschisten denkt und nicht an die Uffizien in Florenz, dem ist auch mit Argumenten wahrscheinlich nicht beizukommen. Und wer angesichts dieser modernen Architekturteile, die die Dialektik historischer Architektur von Wand und Säule aufnehmen, fordert, dann doch lieber das alte Bauwerk vollständig nachzubauen, verkennt den Zusammenhang zwischen den modernen Teilen der Architektur und der neuen Nutzung – oder will Rauterberg am Ende das Humboldt-Forum ganz verhindern?

Mit der Ostfassade provoziert Stella eine stadträumliche Debatte

Zu den fesselnden, aber auch überarbeitungsbedürftigen modernen Teilen des Entwurfes gehört zweifelsohne der neue östliche Gebäudeabschluss, von Stella als Belvedere bezeichnet. Mit diesem Vorschlag provoziert er eine Debatte über die stadträumliche Beziehung zwischen Humboldt-Forum und der ehemaligen Altstadt von Berlin. Stella verzichtet schließlich an der Ostseite auf den sogenannten Apothekenflügel am alten Schloss. Dadurch ist das neue Gebäude – wie der abgerissene Palast der Republik – im Stadtraum nicht verankert. Um dies zu vermeiden, schlagen andere vor, so die Drittplatzierten Jan Kleihues und Christoph Mäckler, den Apothekenflügel »modern« zu rekonstruieren oder, wie Hans Kollhoff, den Apothekenflügel als einen selbstständigen, frei stehenden Baukörper in moderner Gestalt als Abschluss zu setzen. Allein eine Debatte über diese Themen böte genug Stoff für kontroverse Architekturdebatten jenseits der Polemik.

Die Zeit, 17.12.2008