Fünf gegen Schlüter: Die Jury zum Schloss-Wettbewerb sollen Modernisten dominieren. Sogar ein Gegner der vorgegebenen Barockfassaden ist dabei
von Rainer Haubrich
Ist bereits eine architektonische Richtungsentscheidung beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum gefallen? Im Bauministerium wird derzeit an den letzten Details der Ausschreibung für den Realisierungswettbewerb gefeilt, Mitte November soll das für alle Architekten offene Verfahren beginnen.
Der 90-seitige Entwurf der Ausschreibung, der WELT ONLINE vorliegt, enthält bereits konkrete Vorschläge für die Mitglieder der Jury, die am Ende des zweistufigen Wettbewerbs im Herbst nächsten Jahres den Gewinner küren sollen.
Unter den sechs sogenannten Fachpreisrichtern aus dem Kreis der Architekten ist die Berlinerin Petra Kahlfeldt die einzige, die für eine traditionellere Architektursprache steht. Die anderen haben sich eher durch modernistische Entwürfe profiliert, meist im Gegensatz zu historischer Bausubstanz. Prominentester Fachpreisrichter wäre nach dem Entwurf David Chipperfield, der gerade wegen seines minimalistischen Beton-Treppenhauses für Berlins Neues Museum im Zentrum der Debatte steht. Er dürfte den Juryvorsitz übernehmen. Peter Kulka ist vor allem für seinen gläsernen Sächsischen Landtag bekannt, Markus Allmann vom Büro Allmann Sattler Wappner für die Münchner Herz-Jesu-Kirche in Hightech. Weitgehend unbekannt ist der Stadtplaner Peter Zlonicky, Lehrer des Staatssekretärs im Bauministerium, Engelbert Lütke Daldrup, eine der Schlüsselfiguren bei der Vorbereitung des Wettbewerbes.
Den Berliner Volker Staab zu berufen wirkt vollends grotesk, da der Schüler von Kanzleramts-Architekt Schultes ein Gegner der Fassaden-Rekonstruktion ist, also gar nicht hinter der Wettbewerbsaufgabe steht.
Für eine international herausragende Bauaufgabe wie das Humboldt-Forum hätte man insgesamt bedeutendere Architekten erwartet. Allen Gerüchten im Vorfeld zum Trotz ist die Rekonstruktion der drei barocken Außenfassaden ganz unmissverständlich vorgeschrieben. Auch die drei Barockfassaden des Schlüterhofes sind feste Vorgabe. Die Westseite des Schlüterhofes sowie die einst unregelmäßige Ostseite des Schlosses zur Spree können von den Architekten frei gestaltet werden. Auch zur Rekonstruktion historischer Innenräume gibt es keine Vorgaben. Dies könne aber von den Architekten „geprüft“ werden, ebenso wie der Einbau des ehemaligen Volkskammersaales aus dem abgerissenen Palast der Republik, der im Ausschreibungstext zu den „bedeutenden historischen Stätten der deutschen Demokratiegeschichte“ gezählt wird. In merkwürdigem Kontrast dazu scheinen den Auslobern die Säle, in denen die Namensgeber des künftigen Forums verkehrten, nämlich Wilhelm und Alexander von Humboldt, nicht besonders erwähnenswert, ebenso wenig wie die Räume, aus denen die heutige Max-Planck-Gesellschaft hervorging. Schlagworte
Berliner Schloss Barock Max-Planck-Gesellschaft David Chipperfield Bei den Vorgaben zur Nutzung gibt es keine Überraschungen. Mehr als die Hälfte der 40.000 Quadratmeter Nutzfläche werden die Staatlichen Museen mit ihren Sammlungen zur außereuropäischen Kunst bespielen, ein weiteres Viertel nimmt die „Agora“ ein, der großzügige zentrale Empfangsbereich mit öffentlicher Passage, Museumsshops und Gastronomie. Das restliche knappe Viertel teilen sich die Stadt- und Landesbibliothek Berlin, die wissenschaftliche Sammlung der Humboldt-Universität sowie Versorgungs- und Serviceflächen.
Die Welt, Berliner Morgenpost, 06.10 2007
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