Fördern und Fordern

Fördern und Fordern

Schinkels Bauakademie, jenes legendäre Bauwerk am Werderschen Markt, ist seit Jahren eine Schimäre. Daran ändert auch die eine aufgemauerte Ecke nichts. Der Rest ist Plastikplane, teils verziert mit Werbung.

Sponsoring ist nicht gleich Spenden. Beim Sponsoring will der Geber für sich werben. Spender wollen allenfalls den Ruhm des „guten Bürgers“, der schon in der Antike Antrieb war zur Stiftung öffentlicher Einrichtungen. Spenden sei in Deutschland nicht verankert, heißt es. Doch die Verhältnisse ändern sich. Unter den Wohlhabenden zählt es mittlerweile zum guten Ton, mit großem Geld Großes in Gang zu setzen. Hans Wall, der Stadtmöblierer, versprach unlängst 20 Millionen Euro für den Aufbau der Bauakademie – und mit einem Mal rückt der seit 15 Jahren vage versprochene Baubeginn in greifbare Nähe.

Zuvor schon hatte sich der Software-Milliardär Hasso Plattner für den Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses verbürgt. Die Berliner Schlossfreunde des rührigen Wilhelm von Boddien geraten unter Zugzwang: Ihre vollmundig versprochenen 80 Millionen Euro für die barocken Fassaden des Schlüter-Schlosses werden nun zur vorstellbaren, ja erwarteten Größenordnung.

Und so weiter. Die Liste ist lang. Sie reicht von Werner Otto, der den nach ihm benannten Saal im Konzerthaus bezahlt hat, bis zu Ruth Cornelsen, deren Stiftung zahllose Projekte der Denkmalpflege unterstützt. Politiker jubeln: Geld ist da, das aus dem Steuersäckel aufzubringen sich keine Mehrheit fände. Das Potsdamer Stadtschloss ist ein treffliches Beispiel. Ein Gutteil der Potsdamer steht dem Vorhaben gleichgültig gegenüber; über die historischen Gründe dieser Missachtung muss nicht weiter spekuliert werden. Unter jahrelangen Verrenkungen haben sich die Parlamente zu einem „Ja, aber“ durchgerungen – und da kommt ein Spender und zwingt die Politik: entweder zur Einwilligung oder zum Offenbarungseid. Man mag es begrüßen, wird es als Bürger in Fällen wie denen des Potsdamer Schlosses oder des Berliner Schinkel-Gebäudes auch. Und doch stellt sich die Frage nach der künftigen Entwicklung. Sie ist in den USA, dem wegen seiner Spendenfreudigkeit gepriesenen Land, zu erkennen. Die Politik kümmert sich nicht um Kunst und Kultur, auch um die Bildung nur zu Teilen, sondern überlässt das Handeln den begüterten – und steuerbegünstigten – Bürgern. Die entscheiden mit ihren Spenden, was sie fördern. Und was sie fordern: Einverständnis nämlich mit ihrer ganz eigenen Vorstellung vom Gemeinwesen.

Davon sind wir in Deutschland weit entfernt. Und doch stimmen die jüngsten Spendenzusagen, genauer gesagt: die Reaktionen der Politiker, nachdenklich. Denn Spender treffen die Entscheidungen, zu denen sich die Konsensmaschinerie unseres Parteien- und Verbändestaates nicht imstande sieht. Spender fördern, und sie fordern: dass die Bauakademie wiedererstehe, dass Potsdam sich zu seinem Schloss bekenne. Was, wenn sich ein noch größerer Spender bereit zeigte, dem Berliner Schloss seine Schlüter’sche Urform zu finanzieren – allerdings unter der Maßgabe, dass darin die europäische Kunst Einzug hielte, die einst daraus vertrieben wurde? Undenkbar?

Bürger treten auf den Plan, wenn die Politik versagt. Wenn sie zögert und zaudert, wenn Entscheidungen verwässert und zerredet werden. Sie treten im Kleinen auf als Bürgerinitiative und im Großen als entscheidungsgewohnte Spender. Das Engagement der Bürger, gleich wie finanzstark, ist höchst begrüßenswert. Aber es ist auch ein Signal an die Politik, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten: im Sinne aller Bürger, auch derer, die ihren Namen nicht mit einer Großspende verewigen können. Bauakademie und Potsdamer Schloss könnten längst vor uns stehen, wenn die Politik sich ihrer Verantwortung gestellt hätte. In der Demokratie müssen Entscheidungen mehrheitlich getroffen werden, aber sie müssen auch getroffen werden. Sonst bestimmen Einzelne, was getan wird. Zum Guten; womöglich auch einmal zum weniger Guten.

Tagesspiegel, 30.03.2008