Flucht in die Vergangenheit

Flucht in die Vergangenheit

Vortragsreihe zum Humboldt-Forum: Der Architekt Franco Stella.

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Zu seinem Freiburger Vortrag in der kunstwissenschaftlichen Gesellschaft waren Viele gekommen, erstaunlich für ein gerade verschobenes, mitunter sogar schon totgesagtes Projekt. Wenn es sich um zivile oder kulturpolitische Ikonen der Stadtarchitektur handele, und das tue es beim Berliner Schloss, gehe auch heute kein Weg an einer exakten Rekonstruktion vorbei. Das Schloss sei der wichtigste städtische Bezugspunkt auch für die Achse unter den Linden mit dem Brandenburger Tor als „Propyläen vom Schloss“: „Erst war das Schloss und dann wuchs Berlin darum herum.“ Sein Respekt vor den barocken Baumeistern Schlüter und Eosander gebiete es, deren Werk nicht modern zu manipulieren, sondern die Bauten dieser „Mitarbeiter“ durch fünf eigenständige Gebäudeteile zu vollenden. Als er seinen Entwurf der detailgetreuen Rekonstruktion der Nord-, Süd- und Westfassade des Schlosses präsentiert, hört sich das dennoch wie eine Rechtfertigung an.

Doch zur Erinnerung: 2002 hatte der Bundestag entschieden, das Schloss äußerlich zu rekonstruieren. Die historische Barockfassade wurde damit vertraglich zur Pflicht. Dass man Stella zum Sieger des Wettbewerbs gekürt hat, wird an dem Abend durch seine Ausführungen nachträglich plausibel: Auch seine bisherigen Bauten, die eigentlich der klassischen Moderne verpflichtet sind, leitet er vor den Zuhörern von alten Vorbildern der Architekturgeschichte, gar der Antike ab. Die drei Höfe, die er im Inneren des Schlosses plant, gingen auf die Form italienischer Palazzi zurück, die ihrerseits die Tradition des römischen domus belebten. Loggien seien seit Alters her Mittel zur Herstellung von Öffentlichkeit und darum auch für die Höfe gewählt. Für seine „Agora“, die er nach Norden mit einem antiken Triumphtor schließen will, zieht er als Vorbild Palladios Palazzo Thiene in Vicenza heran. Beim Schlossforum, dem Durchgang, der den gesamten Grundriss halbiert, verweist er auf Vasaris langgestreckte Proportionen der Florentiner Uffizien. Ohne Not greift er auch im Schlüterhof auf antike Säulenrisalite zurück. Selbst bei seiner eigenen Außenfassade zur Spree hin, einer „Haut aus Stuck“ mit vier Fensterbändern, sucht er nach Ähnlichkeiten mit Palladios Basilika in Vicenza, gar dem Kolosseum in Rom. Auch diese vierte Front des Schlosses werde also eine Fassade „als ob sie immer da gewesen wäre“! So viel Flucht in die Vergangenheit blieb vom teilweise enervierten Publikum nicht unkommentiert.

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Badische Zeitung, 14.06.2010