Flierl hat Frieden mit dem Humboldt-Forum gemacht

Flierl hat Frieden mit dem Humboldt-Forum gemacht

 

Der frühere Kultursenator Thomas Flierl (Linke) stellt am Montag zusammen mit Hermann Parzinger den Band „Humboldt-Forum“ vor. Der einstige Gegner des Stadtschlosses engagiert sich für ein zeitgemäßes Ausstellungskonzept.
 
Ex-Senator Thomas Flierl: „Meine Ablehnung der Schlossfassaden geht nicht soweit, dass ich das Humboldt-Forum verhindern will. „

Morgenpost Online: Ist das Buch „Projekt Humboldt-Forum“ eine Art Versöhnungsprojekt für den Schlossgegner Flierl?

Anzeige

#advertisementPrio2{
display:none;
}

Thomas Flierl: Mein Interesse gilt dem Humboldt-Forum als eine völlig neuartigen Kultur- und Wissensinstitution des 21. Jahrhunderts, der Möglichkeit globaler Zeitgenossenschaft an einem Ort mit historischen Brüchen und im Dialog mit den Sammlungen und Archiven der Weltkulturen. Meine Ablehnung der Schlossfassaden geht nicht soweit, dass ich das Humboldt-Forum verhindern will. Im Gegenteil.
Morgenpost Online: Nach der Architektur kommen nun die Inhalte: Wie stehen Sie heute zum Humboldt-Forum?
Flierl: Es bleibt ein grandioses Zukunftsprojekt, eine städtebaulich richtige Entscheidung und ein zeitgeistiges Misstrauen in die Ausdruckskraft moderner Architektur. Ein offenbar deutsches Phänomen, wenn man sich die vergleichbaren Kulturbauten des beginnenden 21. Jahrhunderts in aller Welt ansieht.
Morgenpost Online: Wie ist Ihre Position zur inhaltlichen Konzeption?
Flierl: Ich unterstütze die Projektentwicklung des Humboldt-Forums, wie sie jetzt von den drei Hauptnutzern vorgestellt wird. Schon jetzt ist aber absehbar: ohne die Agora gibt es keinen Mehrwert des Humboldt-Forums. Das Humboldt-Forum darf eben nicht nur die Legitimation der Schloss-Hülle durch einen kulturellen Inhalt oder das Nebeneinander verschiedener, dorthin verlagerter Kultureinrichtungen sein, sondern es muss tatsächlich durch Leitprojekte und diskursive Formate zu einem Marktplatz der Ideen und der Verständigung werden, Fragen aufwerfen und Antworten suchen, die uns im Innersten berühren.
Morgenpost Online: Vielen erscheint das Konzept spröde und diffus…
Flierl: Weil wir zwanzig Jahre lang über Fassaden diskutiert haben, nicht über Nutzungen. Und weil das Humboldt-Forum etwas Neues sein wird und etwas Neues sein muss und das Neue ist bekanntlich noch unbekannt. Es muss also den Willen zu einer Expedition in unerforschtes Gebiet geben und zur Beantwortung der Frage, wie stelle ich an diesem wichtigen Ort heute eine kulturelle und wissenschaftliche Öffentlichkeit her, die sich mit den Menschheitsproblemen beschäftigt und zwar so, dass die Menschen daraus Nutzen ziehen, sich in der unübersichtlichen, sich so schnell wandelnden Welt von heute besser zurechtzufinden.
 
(…)
 
Berliner Morgenpost, 05.05.2009