Es gibt eine Sehnsucht nach gebauter Erinnerung

Es gibt eine Sehnsucht nach gebauter Erinnerung

Die neue Senatsbaudirektorin Regula Lüscher über Monumente und den Wiederaufbu des Berliner Schlosses.

Auszug aus einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel

TSP: Ihr Vorgänger hat alles in sein städtebauliches Raster gezwungen, hat völlig abgelehnt, was zum Beispiel Frank O. Gehry mit dem Guggenheim-Museum in Bilbao geschaffen hat: ein einzelnes Monument. Welche gestalterischen Freiräume wird es künftig geben?

Lüscher: Ich bin sehr für Monumente, eine Stadt braucht so etwas. Aber sie müssen an der Stelle, an der sie stehen, einen Mehrwert produzieren. Das ist in Bilbao sicherlich leichter als in Berlin. Ich finde zum Beispiel den Gehry-Bau am Pariser Platz sehr schön.

TSP: Man erkennt ihn von außen fast gar nicht als Gehry-Bau.

Lüscher: Ich erkenne das schon. Die Fassade finde ich äußerst gelungen. Ich habe bewundert, wie sich Gehry in den steinernen Kontext des Platzes einordnet. Der Mann kann etwas.

TSP: Wenn Sie Monumente für richtig halten: Ist es nicht eine vertane Chance, eine Schloss-Kopie wiederzuerrichten?

Lüscher: Ich glaube, dass Berlin verstanden hat, dass die Stadt an dieser Stelle eine außerordentliche Nutzung braucht. Dabei hat die Erinnerung einen großen Stellenwert und eine psychologische Bedeutung. Es gibt eine Sehnsucht nach gebauter Erinnerung. Mit Wiederaufbau haben wir uns in der Schweiz in diesem Maße nie befassen müssen. Ich finde das spannend.

TSP: Was ist spannend, eine Kopie zu errichten?

Lüscher: Ich sehe darin nicht so sehr städtebauliche, architektonische Aspekte. Man muss auch andere Dimensionen mitdenken. Es geht manchmal um so abstrakte Fragen wie: Wie kann eine Stadt ihre Seele zurückerobern? Abbrechen und Wiederaufbau ist für uns ungewöhnlich, in der chinesischen Kultur aber Alltag. Der Geist öffnet sich, wenn wir in andere Kulturen schauen.

TSP: Was hat das Schloss mit der Seele zu tun?

Lüscher: Es ist ein Stück Heimat, es hat mit Heimatgefühl zu tun. Stadt ist ein Inbegriff des von Menschen Geschaffenen, als Ort für Gemeinschaft. Es ist ein Symbol für Heimat und Kontinuität. Das Interessante ist: Es gibt an diesem Ort mindestens zwei Heimaten. Das ist spannend.

Das Gespräch führten Falk Jaeger und Matthias Oloew.

Regula Lüscher, Jahrgang 1961, leitete zehn Jahre lang mit Patrick Gmür ein gemeinsames Architekturbüro, bevor sie zur Stadtverwaltung Zürich wechselte. Von 1981 bis 1986 hatte sie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich studiert.

Seit 1998 ist sie in verschiedenen Hochschulen als Dozentin tätig. Als Stadtplanerin hat sie stets eng mit den verschiedenen Interessengruppen zusammengearbeitet und sich besonders für Entwicklungsgebiete wie etwa Zürich-West eingesetzt.

Sie bezieht Grundeigentümer und Bauherren in die Planungen mit ein. „Von Verboten halte ich nichts“, sagt sie.

Am 1. März begann ihre Amtszeit als neue Berliner Senatsbaudirektorin.

Der Tagesspiegel, 02.03.2007