Es geht wieder voran in Berlin
Jochim Stoltenberg über den Schloss-Aufbau als Zeichen des Aufschwungs.
Herrschte nach dem Karlsruher Urteil mit der Absage einer Milliarden-Finanzhilfe für die hoch verschuldete Stadt so etwas wie Weltuntergangsstimmung, hat sich die Befindlichkeit in Berlin mittlerweile auf wundersame Weise gedreht. Aufbruchstimmung, wohin man schaut: Die Wirtschaft wächst, und damit winken neue Arbeitsplätze, ab 2008 verspricht der Senat einen ausgeglichenen Haushalt, also Schluss mit neuen Schulden, Wissenschaft und Forschung an den Universitäten werden zu Spitzenleistungen hochfinanziert, auch für die Kultur ist wieder mehr Geld da, dann der Durchbruch bei der lange umstrittenen „Empfangshalle“ auf der Museumsinsel – und nun in dieser Woche der Kabinettsbeschluss der Bundesregierung, das Schloss aufzubauen.
Es geht wieder aufwärts in Berlin. Auch weil der Bund seine Verantwortung für die Hauptstadt aller Deutschen endlich gebührend anerkennt.
Mit der äußerlichen Rekonstruktion der Hohenzollernresidenz wird mehr als nur eine hässliche Lücke im Stadtbild geschlossen. Mit dem Schloss bekommt Berlins Mitte ihr architektonisches Herz zurück und Deutschland in seiner Hauptstadt zusammen mit der Museumsinsel ein kulturelles Zentrum, das keinen Vergleich zu scheuen hat. Lange hatte sich der rot-rote Senat abwartend skeptisch gegenüber den Schloss-Plänen gezeigt, bis sich endlich auch in ihm die bessere Einsicht durchsetzte. Eigentliche Antreiber, und das ist nicht gerade schmeichelhaft für die Stadtregierung, waren neben dem Schlossverein und dessen Vorsitzenden Wilhelm von Boddien, der 1993 mit seiner Schlossattrappe das Interesse für den Wiederaufbau überhaupt erst weckte, Bundestag und Bundesregierung. Das Parlament beschloss mangels überzeugender Alternativen zeitgenössischer Architekten, den Schlüter-Bau mit seiner historischen Fassade wieder erstehen zu lassen. Dann war es Anfang des Jahres Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee, der mit seinem abgespeckten Nutzungs- (ausschließlich kulturell) und Finanzierungsplan (480 statt 780 Millionen Euro) den Weg frei machte.
Offiziell soll das Schloss keines sein, sondern in Anlehnung an die nach der erhofften Fertigstellung 2013 (Baubeginn 2010) dorthin aus Dahlem verlagerte außereuropäische Sammlung Humboldt-Forum heißen. Doch wie beim Reichstag werden sich die Berliner die Freiheit nicht nehmen lassen, am Traditionsnamen festzuhalten.
Und nicht nur sie können nun, da letzte Zweifel ausgeräumt sind, etwas zur Wiederauferstehung des 1950 von der SED gesprengten Schlosses beisteuern. 80 Millionen Euro (vorfinanziert vom Bund und Berlin) will „Schlossherr“ von Boddien zur Rekonstruktion der historischen Fassade durch Spenden einsammeln. Ein Schloss für Bürger von Bürgern mitbezahlt – eine republikanische Herausforderung.
Berliner Morgenpost, 08.07.2007
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