Es gab ein Berlin vor dem Schloss

Es gab ein Berlin vor dem Schloss

Die geplante Rekonstruktion des „Klosterviertels“ erinnert an die alte Bürgerstadt.

Harald Bodenschatz

Das alte, mittelalterliche Berlin ist weithin vergessen. Es ist auch nicht mehr erfahrbar, weil kaum Bauten aus dieser Zeit überlebt haben. Dass es ein bürgerliches Berlin vor der Ankunft der Hohenzollern gab, vor dem Bau einer Zwingburg und eines Schlosses, ist aus unserem kollektiven Gedächtnis getilgt. Berlin war im Mittelalter keine großartige Stadt von europäischer Bedeutung, die späteren Herrscher schämten sich oft für sie. Eine Residenzstadt, eine preußische Hauptstadt, eine deutsche Hauptstadt schien unvereinbar mit Alt-Berlin. Das Schloss stellte das alte Berlin spätestens seit dem frühen 18. Jahrhundert in den Schatten, alle bedeutenden Neubauten entstanden seither westlich des Schlosses.

Erst im fortgeschrittenen 19. Jahrhundert wurden Pläne geschmiedet, das alte Berlin zu modernisieren, mit Straßendurchbrüchen und neuen Großbauten. Für das Rote Rathaus wie für das alte Stadthaus wurden deswegen ganze Blöcke abgerissen. Alt-Berlin wurde so nach und nach zum Zentrum kommunaler Institutionen der stürmisch wachsenden Großstadt. In der NS-Zeit begann dann der Kahlschlag auf breiter Front, im Zuge der Sanierung des „Rolandsufers“. Damals wurde eine neue, autogerechte Mühlendammbrücke geplant, die alte Münze und das Ephraim-Palais abgetragen. Das 1938 fertiggestellte neue Stadthaus nahm auf die historische Stadt schon keine Rücksicht mehr.

Nicht erst der Zweite Weltkrieg zerstörte Alt-Berlin, und nicht erst die DDR missachtete das bürgerliche Berlin. Dennoch wurde die härteste Wunde erst durch den Bau der Grunerstraße in den 1960er- Jahren geschlagen, die das südliche Alt-Berlin städtebaulich regelrecht isolierte. Zwar leitete der Bau des Nikolaiviertels in den 80er-Jahren eine veränderte Sicht auf die mittelalterliche Stadt ein. Aber auch nach dem Fall der Mauer hat es lange gedauert, bis Alt-Berlin in das Visier der Planer geriet. Erst das 1996 bekannt gemachte „Planwerk Innenstadt Berlin“ verwies darauf, dass dort, wo sich heute eine der schrecklichsten Verkehrswüsten des Zentrums befindet, einst der wichtigste Ort des mittelalterlichen Berlins lag: der nicht besonders große Molkenmarkt – zwischen Mühlendamm und Rathauskreuzung. Im weiteren Umfeld dieses heutigen Stadtloches liegen die letzten zusammenhängenden Reste von Alt-Berlin, die Ruine der Kirche des Franziskanerklosters, das Rolandsufer, das Nikolaiviertel. Und hier schlägt im Rathaus und im Stadthaus das kommunale Herz von Berlin.

Für die städtebauliche Rekonstruktion auch des „Klosterviertels“ zwischen Molkenmarkt, Gruner-, Litten- und Stralauer Straße liegt inzwischen ein Masterplan samt Bebauungsplanentwurf vor, erarbeitet nach Vorschlägen der Berliner Stadtplaner Helmut Riemann und Ulla Luther. Das alte stadträumliche Gefüge soll möglichst weitgehend wieder hergestellt werden. Das betrifft die Führung der Straßen ebenso wie die Anlage der Baublöcke mit Innenhöfen, Gassen und Plätzen. Geplant ist eine Nutzungsmischung: Büros, Einzelhandel, Handwerk, Kultur, Gastronomie, Wohnungen. Auch das Gymnasium zum Grauen Kloster soll hier an seinem historischen Ort wieder erstehen. Dafür soll die Verkehrsbresche der Grunerstraße wenigstens etwas zurückgebaut werden.

Dagegen gab es natürlich Protest, nicht nur von Industrie- und Handelskammer und ADAC. Wie bei allen bisherigen Straßenrückbauten wird mit Dauerstau gedroht. Doch wir wissen, dass es schon heute kaum mehr eine Altstadt gibt, durch die derart rücksichtslos der Massenverkehr geschleust wird, wir wissen, dass der Autoverkehr in den Stadtzentren weiter reduziert werden muss zugunsten der Schaufensterfunktion des Zentrums und der Lebensqualität im öffentlichen Raum.

Dennoch lässt der Masterplan Fragen offen. Eine Besonderheit des Viertels war der im Mittelalter entstandene Große Jüdenhof. Daher soll er wieder aufgebaut werden. Doch soll dieser „Hof“ – eigentlich eine kleine Platzanlage – nur als Marketing-Name einer künftig sozial und kulturell abgeschotteten Wohnanlage dienen, oder als Ort, an dem ausdrücklich und unübersehbar an die Geschichte erinnert wird? Beides zugleich scheint geplant. Der wichtigste authentische Ort des Viertels ist die Ruine des Franziskaner-Klosterkirche. Sie könnte durch eine öffentliche Passage über den Jüdenhof und den vorgesehenen französischen Kirchhof erreichbar sein. Aber wie steht es mit der Architektur? Zeitgemäß soll sie sein. Aber was heißt das am Großen Jüdenhof? Die umstrittene Altstadtrekonstruktion in Frankfurt/Main zeigt, wie gerungen wird, welche Bauten wie weit detailgenau nach den historischen Fotos rekonstruiert werden, welche sich auch in heutiger Architektursprache zeigen können. Wird es eine solche Debatte auch für den Großen Jüdenhof geben, der einst von einer durchaus kleinstädtischen Bebauung geprägt war?

Noch immer wird das neue Viertel als städtebauliche Insel behandelt, wie auch schon in den 1980er-Jahren das Nikolaiviertel. Das künftige „Klosterviertel“ muss aber nicht nur in sich stimmig sein, sondern sich auch mit seinen Nachbarn vertragen – mit dem Roten Rathaus, dem Stadthaus, dem Rolandsviertel aus der NS-Zeit und dem Nikolaiviertel aus der DDR-Zeit. Es muss die verschiedenen Zeitschichten vermitteln, die in Alt-Berlin heute erlebbar sind. Deswegen sollte die Neubebauung gegenüber dem Nikolaiviertel und dem Roten Rathaus in ihrer Höhe und Parzellenbreite reduziert werden. Von zentraler Bedeutung ist der Bereich vor dem alten Stadthaus. Der Masterplan sieht hier wieder, wie einst vor dem Krieg, eine Bebauung vor. Durch den Verkauf der Grundstücke soll wohl – wie es so schön heißt – ein für den öffentlichen Haushalt kostenneutraler Städtebau realisiert werden.

In einer früheren Fassung des Planwerks war hier hingegen noch ein Platz vorgesehen. Zu Recht. Denn ein urbaner Stadtplatz vernetzt alle Zeitschichten und Teilgebiete des südlichen Alt-Berlins am besten. Das künftige „Klosterviertel“ kann und soll unser Verständnis von Berlin verändern. Dafür muss es aber erst wieder wahrgenommen werden. Hier muss richtig Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden – über Architekturgespräche hinaus.

Das neue Viertel ist mehr als ein weiteres Quartier für „Town-houses“, in dem nur wenige Einwohner der Oberschichten Stadt simulieren. Es kann bei entsprechender Bebauung und Nutzung zeigen, dass das bürgerliche Berlin nicht wertlos und rückständig hinter dem Schloss lag, sondern vor dem Schloss existierte. Es kann weiter zeigen, dass die Jahrhunderte der Missachtung des alten Berlin vorüber sind.

Berliner Zeitung, 21.07.2008