Es bleibt ein Traumgebilde
Denkpause für ein umstrittenes Mammutprojekt: Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses fällt erst einmal dem Sparen zum Opfer
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Die Bundesregierung hat gerade beschlossen, den 552 Millionen Euro teuren Bau des Berliner Stadtschlosses im Zuge der aktuellen Sparpläne auf Eis zu legen. Damit ist das Vorhaben, das der Bund mit 440 Millionen, die Stadt Berlin mit 32 Millionen und ein privater Förderverein mit 80 Millionen Euro finanzieren wollten, zwar noch nicht gestorben, jedoch mindestens auf 2014 verschoben. Was bedeutet, dass eine neue Regierung und auch ein neuer Bundestag sich mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses beschäftigen werden – und dann wohl auch endlich damit, dass der Zuspruch in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren rapide gesunken ist. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sind 80 Prozent der befragten Berliner gegen den Wiederaufbau.
Mit gutem Grund: Die Realisierung des Mammutprojekts war von Anfang an mit Fehlentscheidungen belastet. Der Vorschlag aus Peter Ramsauers Bauministerium vor ein paar Wochen, das Schloss erst einmal ohne Barockfassade zu realisieren und das ‚historische Gewand‘ erst später hinzuzufügen, las sich da nur noch wie die krönende Pointe eines Schildbürgerstreichs, schließlich war gerade die historische Fassade fester – und umstrittenster – Bestandteil im Wettbewerb um den Wiederaufbau des Stadtschlosses gewesen. Eine blanke Betonkiste mit nachrüstbarer Sandsteinzierde würde das Ganze vollends als schlechten Scherz in der jüngeren Architekturgeschichte bloßstellen, für immerhin noch 472 Millionen Euro kein allzu billiger Spaß.
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Doch nicht nur architektonisch kam das Prestigeprojekt äußerst schleppend voran. Bis zuletzt blieb das Nutzungskonzept des Humboldt-Forums unklar: Neben Teilen der Landesbibliothek und der Sammlung der Humboldt-Universität sollten hier auch die außereuropäischen Museen einziehen, die bislang in Dahlem untergebracht sind. Wie das alles hinter einer Barockfassade gelingen sollte, war weder einleuchtend noch in der Zusammenstellung wirklich schlüssig. Die unterschiedlichen Mieter, darunter die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Hauptnutzer, wirkten da eher wie die Fahrgäste in einem Zugabteil: gleiche Richtung zwar, aber doch mehr zufällig zusammengewürfelt.
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So schön sich dieses Ziel gerade in Zeiten einer globalen Krise liest, so sehr verlangt die Realisierung nach konkreten Inhalten, sonst setzt sich das Projekt nicht nur architektonisch dem Vorwurf der Beliebigkeit aus. Die Sparpläne der Regierung bieten damit die Chance, das Bauvorhaben im Herzen Berlins noch einmal neu zu diskutieren – und sie nicht zuletzt der heutigen Situation anzupassen.
Vielleicht können wir uns das Stadtschloss tatsächlich nicht mehr leisten, aber möglicherweise haben wir auch gute Gründe dafür. Die grüne Wiese sollte deswegen nicht als Zeichen des Scheiterns gesehen werden, sondern vielmehr als Chance, noch einmal nachzudenken. Wie sich die Berliner und ihre Besucher schon in wenigen Wochen den Platz erobert haben, ist dabei mehr als motivierend.
Süddeutsche Zeitung, 08.06.2010
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