Entkrampfung für die Altstadtdebatte

Eine Ausstellung in München beschäftigt sich mit der Geschichte von Rekonstruktionen. Antworten auf aktuelle Fragen bekommt Frankfurt dort nicht, kann aber immerhin Gelassenheit lernen
.

Das nennt man eine klare Ansage: „Eine Kopie ist kein Betrug, ein Faksimile keine Fälschung, ein Abguss kein Verbrechen und eine Rekonstruktion keine Lüge.“ Der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger beantwortet die Frage, ob es legitim sei, zerstörte Häuser zu rekonstruieren, mit kämpferischer Eindeutigkeit. Er tut das gleich im ersten Satz seiner Einleitung zum Katalog der Ausstellung „Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte“. Die materialreiche Schau in der Pinakothek der Moderne in München soll die These offenbar untermauern.

Für Frankfurt ist die Ausstellung von doppelter Bedeutung, liefert die Stadt doch etliche Beispiele für Rekonstruktionen und braucht gleichzeitig Orientierung in der aktuellen Debatte um die Neubebauung des Altstadtareals. In Frankfurt steht mit dem Goethehaus jenes Streitobjekt, an dem sich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gewissermaßen die deutsche Ur-Debatte über das Für und Wider von Rekonstruktionen entzündet hat. Den Befürwortern ging es um eine möglichst originalgetreue Wiedergewinnung des Hauses und seiner Atmosphäre, die Gegner lehnten jede Rekonstruktion ab, weil diese Ausdruck des Wunsches sei, die Greuel des „Dritten Reichs“ vergessen zu machen. Nur 200 Meter weit entfernt findet sich mit der Paulskirche ein prominentes Beispiel für eine Art dritten Weg – die zeitgenössische Neugestaltung eines schwer beschädigten Bauwerks, die den Zeitenbruch kenntlich macht.

Beispiele aus Jahrtausenden

Die Münchener Ausstellung greift viel weiter in Zeit und Raum aus. Die Zahl der Beispiele für Rekonstruktionen, die eine Heerschar renommierter Wissenschaftler und Kritiker in der Ausstellung und dem Begleitkatalog liefert, ist überwältigend. Zu allen Zeiten wurden Zerstörtes und Zerfallenes wiederhergestellt. Wobei der Begriff der Rekonstruktion von den Autoren, die verschiedenen Disziplinen angehören, sehr unterschiedlich benutzt wird. Es wird ein weites Feld von Wiederaufbau, Kopie, Nachschöpfung, Ergänzung und Restaurierung abgeschritten. Eine größere Fokussierung wäre hilfreich gewesen, zumindest für die, die sich Erkenntnisse für aktuelle Debatten erhoffen.

Der Besucher wird mit einer Fülle von Beispielen aus Jahrtausenden vertraut gemacht. In der Antike wurden Tempel wieder aufgebaut, wobei die sakrale Tradition des Ortes wichtiger war als die bauliche Ähnlichkeit. In Japan wird seit dem siebten Jahrhundert der Ise-Schrein alle zwanzig Jahre abgebrochen und in identischer Form neu errichtet. Wie sehr Rekonstruktion auch Konstruktion von Geschichte ist, lässt sich besonders deutlich am Beispiel der Burgruinen zeigen, die um die Wende zum 20. Jahrhundert in Deutschland gemäß einem idealisierten Mittelalterbild ergänzt wurden. Kaiser und Volk waren begeistert, doch den Denkmalschützern graute es schon damals.

Dem Besucher schwirrt der Kopf

Rekonstruktionen waren immer wieder auch Akte politischer Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung, wie Aleida Assmann in einem klugen Aufsatz im Katalog zeigt: Die Altstadt von Warschau wurde kurz nach ihrer Zerstörung wieder aufgebaut, wobei die Gebäude modernen Anforderungen angepasst wurden. Nach dem Fall des Kommunismus wurde in Moskau die Christus-Erlöser-Kathedrale rekonstruiert, allerdings in Stahlbeton.

Am Ende schwirrt dem Betrachter der Kopf angesichts von Hunderten Bildern, die die Gebäude in ihrer ursprünglichen Gestalt, nach der Zerstörung und nach der Wiedergewinnung zeigen. Die Vielzahl von Beispielen, die in vier Sälen gezeigt werden, legt nahe, dass alles möglich und fast alles erlaubt ist. Auch die Autoren der Begleittexte halten sich mit Wertungen zurück, wenn sie die Umstände der Rekonstruktionen beschreiben.

Pragmatiker sind in der Mehrzahl

Nun ist die Debattenlage tatsächlich keineswegs so eindeutig wie vor einigen Jahrzehnten. Gewiss gibt es noch einzelne Architekten, die mit Abscheu auf jede Rekonstruktionsidee reagieren. Sie verstehen Nachbauten als Misstrauensbekundung gegenüber ihrem Berufsstand. Sie stehen damit in der Tradition der frühen Moderne, die sich vehement von den Mustern der Altvorderen absetzte und die Originalität des Architekten hervorhob.

Diese Haltung war von Anfang an umstritten und keineswegs herrschende Meinung, wie eben der Wiederaufbau des Goethehauses zeigt. Selbst ein dezidiert modernistischer Stadtplaner wie Rudolf Hillebrecht, der Hannover als autogerechte Stadt wieder aufbaute, ließ sich in den fünfziger Jahren bei einem Besuch in Warschau bekehren. Nach seiner Rückkehr befürwortete er die Rekonstruktion des Leibniz-Hauses in seiner Heimatstadt, zu der es in den achtziger Jahren auch kam. Längst sind die Pragmatiker unter den Architekten in der Mehrzahl. Sie müssen die Konkurrenz der verstorbenen Kollegen auch ökonomisch nicht fürchten: Die Zahl von Rekonstruktionen fällt, gemessen an den Neubauten, nicht ins Gewicht.

Bürgerschaftliches Engagement immer noch wichtig

Die rekonstruierte Römerberg-Ostzeile, die nach der Fertigstellung noch umstritten war, wird heute von niemandem mehr in Frage gestellt. Und in den vergangenen Jahren wurden mit der Alten Stadtbibliothek, die nun als Literaturhaus dient, und dem Palais Thurn und Taxis, das als Raum für Edelboutiquen und Ähnliches angeboten wird, zwei wichtige Gebäude rekonstruiert, ohne dass es zu großen öffentlichen Kontroversen gekommen wäre. Nur an den Großvorhaben in zentraler Lage entzünden sich noch Debatten, etwa in den Fällen der Schlösser von Berlin und Braunschweig.

Und wie im Fall der Frankfurter Altstadt. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig bürgerschaftliches Engagement für Rekonstruktionsvorhaben immer noch ist. Sie zeigt aber auch, wie sehr sich der Fokus der Debatten 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs verschoben hat. Grundsätzliche historisch-moralische Aspekte stehen nicht mehr im Vordergrund, eher wird der Kampf um die Frage ausgetragen, ob die Sehnsucht nach der Wiederherstellung des alten Stadtbildes dem Bedürfnis nach Heimat entspringt oder eher von einer bedenklichen Zukunftsangst einer alternden Gesellschaft zeugt.

Nur wenige Antworten

Auf einer anderen Ebene ringen Politiker, Investoren und Bürger um Qualitätskriterien, die an Rekonstruktionen angelegt werden können: Müssen detaillierte und zuverlässige Pläne vorliegen? Muss ein Haus exakt am selben Ort wieder errichtet werden? Sind möglichst originale Materialien zu verwenden? Inwieweit sind Anpassungen an moderne Komfortbedürfnisse zulässig? Darf dafür auch die Fassade modifiziert werden? Macht es einen Unterschied, ob zwischen Zerstörung und Rekonstruktion eines Gebäudes wenige Jahre oder etliche Jahrzehnte vergangen sind? Ist es gleichgültig, ob eine Rekonstruktion als Einkaufszentrum dient?

So lauten die Fragen, vor denen die handelnden Personen stehen. Antworten darauf liefert die Schau nur sehr bedingt. Die Autorin, die die Rekonstruktion des Palais Thurn und Taxis beschreibt, ergeht sich zwar in allen möglichen Details. Die Tatsache, dass das Palais verkürzt wurde, berührt sie aber nur am Rande. Und den mehr als fragwürdigen Umstand, dass die Kuppel in der Rekonstruktion weggelassen wurde, erwähnt sie gar nicht.

Frankfurt wird seine eigene Debatte also weiterführen müssen. Eine Reise nach München ist gleichwohl zu empfehlen, weil sie zur Entkrampfung beitragen kann.

Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Oktober in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen. Der mehr als 500 Seiten starke und üppig bebilderte Katalog kostet im Buchhandel 69 Euro.

FAZ, 8.9.2010