Ein Kontrapunkt zum modernen Berlin

Ein Kontrapunkt zum modernen Berlin

Interview mit Wilhelm von Boddien (Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss)

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BT: Wie beurteilen Sie die jüngsten Äußerungen von Bundesbauminister Ramsauer? Ist der Bau der Kuppel in Ihren Planungen überhaupt enthalten?
Boddien: Unsere 80 Millionnen beziehen sich ausschließlich auf die Fassaden. Der Bau der Kuppel muss frühestens in drei Jahren entschieden werden. In den Bauplänen und der Statik ist er sowieso vorgesehen. Bis dahin wird noch viel passieren. Es gibt nur wenige Bürger und Politiker, die die Kuppel für überflüssig halten. Sie ist schon aus städtebaulichen Gründen notwendig, zum Beispiel um die gewaltige Masse des Berliner Doms auszutarieren. In Potsdam fand sich plötzlich Hasso Plattner, der mit 20 Millionen den Bau des Schlosses dort erst ermöglichte. Warum sollte es in Berlin nicht auch möglich sein, zusätzlich Menschen speziell für Spenden für die Kuppel zu begeistern? Und zu den Äußerungen des Ministers möchte ich sagen: Er ist hauptsächlich Verkehrsminister. Vielleicht hatte er sich bislang nicht die Zeit, sich mit dem Schlossprojekt inhaltlich auseinanderzusetzen.

BT: Es wird immer wahrscheinlicher, dass das Schloss nur mit deutlicher Zeitverzögerung entstehen wird: Wann glauben Sie, vor dem wiederaufgebauten Schloss stehen zu können?
Boddien: Es gibt überhaupt keine Zeitverzögerungen. Mit der zunehmend vertieften Planung stellt man jetzt fest, dass die Herstellung des Baus doch mehr Zeit braucht als vorher oberflächlich kalkuliert. 2011 wird der Grundstein gelegt, 2016 sind Schloss und Humboldtforum bezugsfertig. Allein die künstlerische und handwerklich in der Tradition des barock hergestellte Fassade braucht Jahre.
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BT: Warum braucht Berlin das Schloss?
Boddien: Das Schloss war das Gravitationszentrum der Stadt. Ohne diesen Zentralbau wäre die Stadtentwicklung Berlins nicht denkbar gewesen. Das noch bestehende historische Zentrum bezog sich in seiner Architektur auf das Schloss. Mit dessen Sprengung brach das ganze alte Berlin zusammen, die Mitte verlor ihren Halt. Sein Wiederaufbau wird das Ensemble wieder zusammenfügen und zugleich einen Kontrapunkt zu dem ansonsten weitgehend modern aufgebauten Berlin setzen. Die Stadt kommt so wieder ins Gleichgewicht.
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Badisches Tagblatt, 12.03.2010