Ein konservativer Visionär
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Kollhoffs ungewöhnlicher Vorstoß verwunderte auch deshalb, weil er selbst seit Jahren dafür plädiert, das Schloss wieder aufzubauen. „Ein Befürworter bin ich ja nach wie vor“, betont er. Und er könne auch damit leben, dass ihm Kritiker nun vorwerfen, er habe nur aus Neid gehandelt, weil er bei dem Wettbewerb nur einen dritten Platz errang. „Damit habe ich doch gerechnet. Das ist doch der erste Reflex, der bei vielen entsteht.“ Er habe sich das auch genau überlegt und sofort reagiert, als es durch die Presse ging, „dass Herr Stella möglicherweise gar nicht teilnahmeberechtigt“ gewesen sei. „Da habe ich gesagt: Wenn hier nachlässig geprüft wurde, muss man doch etwas machen. Es geht hier ja nicht um irgendein Bauprojekt, sondern um das wichtigste Kulturprojekt der Republik.“
Sieht er dieses Projekt bei Herrn Stella etwa nicht in den richtigen Händen? „Auch wenn das nicht Gegenstand meiner Rüge ist, geht es hier ja nicht nur um den Wiederaufbau von drei Fassaden“, erwidert Kollhoff. „Die Hauptfrage und die architektonische Herausforderung ist doch, wie es mit diesen drei Fassaden nach innen hin weitergeht, damit am Ende wirklich ein Schloss entsteht und nicht nur eine Schlossattrappe.“
Das beginne schon bei den von Stella geplanten Korridoren, kritisiert Kollhoff, „in denen dann, durch die schlüterschen Portale und Treppenhäuser hindurch, ein Sachbearbeiter zum nächsten gehen kann“. Stattdessen müssten hinter den Portalen „entsprechende Treppenhäuser“ gebaut werden. Wichtig sei ebenso, „einige herausragende Räume zu rekonstruieren“. Als Beispiel nennt er Teile der Wohnung von Friedrich Wilhelm IV., die zum Teil sogar mit noch vorhandenen Möbeln und Bildern ausgestattet werden könnten. Kollhoff: „Das hat ein historisches Gewicht, über das man nicht einfach weghobeln kann mit einer Rasterarchitektur.“ Auch die Erdmannsdorf-Räume gehören seines Erachtens dazu und ebenso die Kunstkammern, „die Keimzelle der Berliner Museen“, die unterm Dach mit recht niedrigen Raumhöhen ausgestattet waren. „Es ist einfach ein Unterschied, ob ich irgendwo ein Foto hinhänge und sage, so sahen die Kunstkammern aus“, sagt er, „oder ob ich da tatsächlich auch hingehen kann, über ein Treppenhaus, und sagen kann, hier, an genau diesem Ort, waren früher die Kunstkammern.“
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Berliner Morgenpost, 11.10.2009
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