Ein gut gemeintes Enteignungsprogramm
Gegen Ende des letztvergangenen Sommers, als die Welt noch in Ordnung schien, obwohl sie es natürlich längst nicht mehr war, lud ein sehr reicher Amerikaner, ein Kunstmäzen, auf seinen Landsitz auf Long Island zur Spendengala ein. Große Namen wurden genannt, Bush senior etwa und Henry Kissinger, es war von Maybach-Limousinenservice, Champagner mit Goldblättchen und anderen Luxusdingen die Rede und vor allem dem wohltätigen Zweck: dem Berliner Schloss. Für dessen Barockfassade musste spenden, wer auf die erlesene Gästeliste kam.
Es ist unbekannt, wie viel Geld zusammenkam, der sonst so gesprächige Wilhelm von Boddien blieb diskret, sagte nur in etwa das, was er immer sagt, seit nun schon anderthalb Jahrzehnten: Das wird schon werden mit den achtzig Millionen Euro, die sein Förderverein einsammeln muss, damit die Fassaden rekonstruiert werden können, die Dresdner hätten für ihre Frauenkirche auch klein angefangen, die Amerikaner aber auch damals schon gern und nicht zu knapp gespendet. Niemand mochte ihm offen widersprechen, genauso aber machte niemand ihm Mut, er könnte es schaffen. Und Galadiners wie auf Long Island würde es hierzulande wohl auch nicht geben.
Wenn es schiefgeht, bleibt noch die Steuerkasse
Statt dessen brandete immer mal wieder kleinkariertes Gezänk auf. Um eine Humboldt-Box auf dem Schlossplatz zum Beispiel, mit der Boddiens Verein den Touristen und Stadtbürgern, die ihre Taschen für das Preußenschloss eher zuhalten, diesen seinen Traum näherbringen wollte. Die Stadt, die mit dem Schloss wieder eine Mitte bekommt und eigentlich nix zu sagen hat in Sachen Wiederaufbau, mochte das besucherfreundliche Provisorium nicht, tat vielmehr alles, um es zu verhindern. Eine böse Posse von vielen.
Nun aber ist der Bund auf den Plan getreten, hat endlich erklärt, wer der Bauherr ist, eine Stiftung nämlich, die nicht nur das Schloss bauen lassen wird, sondern auch das Spendengeschäft in die Hand nehmen soll. Ein Pyrrhussieg für den Initiator Wilhelm von Boddien, ohne den kein Bundestagsbeschluss für den Wiederaufbau der Hohenzollernresidenz denkbar gewesen wäre. Denn jetzt ist offen ausgesprochen, dass man auch im Bundeskabinett nicht mehr glaubt, Boddiens Bürgerverein könnte das Geld für den wohl wichtigsten Teil des Schlosses zusammenbekommen. Ein gutgemeintes Enteignungsprogramm für lahmendes bürgerschaftliches Engagement; wenn es schiefgeht, bleibt, wie neuerdings immer, noch die Steuerkasse.
FAZ, 15.04.2009
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