Ein Grund stolz zu sein

Ein Grund, stolz zu sein

Kommentar von Christoph Stölzl

Was sind schon achtzehn Jahre in der Baugeschichte einer großen Stadt? Viel, wenn man alles falsch macht. Gebaute Irrtümer kann man kaum mehr aus der Welt schaffen ist. 25 Jahre hatte die DDR über die Neugestaltung ihrer Mitte gebrütet, um dann mit dem Palast der Republik eine Antwort zu finden, die in keiner Weise die stadtorganischen Funktionen des abgerissenen Hohenzollernschlosses ersetzen konnte. In diesen Stunden werden nun die letzten Palasttrümmer zu nützlichem Schutt zermahlen, dann ist Platz fürs Neue.

Achtzehn Jahre haben die Deutschen gebraucht, um sich ein Herz zu fassen für die Gestaltung der Hauptstadtmitte. Sehr lange konnten sie sich nicht darauf einigen, wer denn eigentlich dafür zuständig sei: die Nation im Ganzen oder die Bürger der Stadt Berlin. Wer zählt die Gedanken, die Worte, die auf Podien gewechselt wurden, die Energie im Träumen wie im Polemisieren? Es ging um die Symbolik der deutschen Teilung wie der deutschen Einigung. Wie sollte dies in Gelassenheit diskutiert werden, wo doch der gewaltige Wirbelsturm der Geschichte jede Familie betroffen hatte. Irgendwann in der Frühzeit der Debatte sagte der große Dichter Günter de Bruyn: „Die Sprengung des Schlosses war für mich damals ein Symbol für die DDR, dessen Widererrichtung könnte ein Symbol für die Einheit werden.“ Das große nationale Palaver über das Ja oder Nein zum Schloss hat niemanden kalt gelassen.

Am Ende aber nahm die Demokratie die Sache in die Hand. Man muss den handelnden Personen in Parlamenten und Verwaltungen attestieren, dass in der Sache des Berliner Schlosses alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Dabei ist immer wieder sogar das Wunder geschehen, dass am Ende der Diskussionen Menschen ihre Standpunkte gewechselt haben.

Was jetzt prämiert wurde, tut der deutschen Hauptstadt Berlin gut. Das unwirtliche, unhistorische Vakuum in der Mitte hat ein Ende. Berlins historisches Antlitz wird wieder lebendig, in einer Architektur, die gelassen gestern und heute verschmilzt. Auf dieses Schloss der Republik werden die Deutschen stolz sein.

Die Welt, 29.11.2008