Doch kein historisches Stadtschloss?
Berlin bekommt möglicherweise doch keinen originalgetreuen Nachbau des Stadtschlosses zurück. Vor dem Beginn des internationalen Architektenwettbewerbs erklärte der für die Ausschreibung zuständige Staatssekretär im Bundesbauministerium, Engelbert Lütke-Daldrup, dass der geplante Neubau auf dem Schlossplatz lediglich „unter Berücksichtigung der historischen Fassaden“ wiederentstehen soll. Damit wird der Wiederaufbau der historischen Fassaden nicht zwingend vorgeschrieben.
Befürworter eines Wiederaufbaus des Berliner Schlosses sind alarmiert. Sie befürchten, dass der Beschluss des Bundestags von 2002 verwässert wird, der eine Rekonstruktion der Schlossfassaden an der Nord-, West- und Südseite sowie des Schlüterhofs zum Ziel hatte. „Es kann nur eine historisch exakte Rekonstruktion der Fassaden geben“, sagte gestern der Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss, Wilhelm von Boddien, der Berliner Zeitung. „Das gebietet die Qualität des historischen Ensembles.“ Der Beschluss des Bundestags vom Juli 2002 sei in dieser Frage eindeutig.
Zwar stützt sich auch Lütke-Daldrup auf die Beschlüsse des Bundestags. Doch seine Formulierung, wonach der Neubau lediglich „unter Berücksichtigung der historischen Fassaden“ errichtet werden soll, geht auf ein eher unverbindliches Votum des Parlaments vom November 2003 zurück. Werden auch die Wettbewerbsvorgaben so unverbindlich formuliert, seien „zu 90 Prozent Entwürfe mit einer modernen Architektur“ zu erwarten, heißt es in Kreisen des Bundes.
Ähnlich sieht es auch Lütke-Daldrup: „Ich denke, wir werden im Wettbewerb eine Spannbreite von Entwürfen bekommen, vom denkmalpflegerischen Purismus bis zur Teilrekonstruktion“, sagte er in einem Interview mit dem Deutschen Architektenblatt. Einige Architekten würden die Fassaden mehr als historische Teile betrachten, die in ein komplett neues Haus integriert werden. Der frühere Präsident der Bundesarchitektenkammer, Peter Conradi, begrüßte die Äußerungen Lütke-Daldrups. „Ich hoffe, dass es bei dem Wettbewerb mehr gestalterischen Freiraum geben wird“, sagte er.
Laut Lütke-Daldrup wird die Gestaltung der Schloss-Fassade auch von der Spendenbereitschaft der Bürger abhängig sein. Es sei „durchaus von Bedeutung, ob durch Spenden deutlich wird, dass breite Kreise der Bevölkerung ein bestimmtes Anliegen haben“, sagte er. Das kann zumindest als indirekte Drohung verstanden werden, auf den Bau der Schlossfassaden zu verzichten, sollte der Förderverein Berliner Schloss nicht die zugesagten Spendengelder in Höhe von 80 Millionen Euro aufbringen.
Berliner Zeitung, 19.09.2007
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