Die Wiederentdeckung des Schönen
Die Rekonstruktion der Bauakademie Schinkels läge im Trend. Denn in Berlin werden viele historisch bedeutende Häuser neu errichtet
Von Dirk Westphal
Sie war eines der berühmtesten Berliner Bauwerke – die nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissene Schinkel’sche Bauakademie am Werderschen Markt. Mit ihrer für damalige Verhältnisse revolutionären Bauweise eines hinter Klinkern verborgenen Stahlskelettes ging sie in die Architekturführer ein. Nun gibt es Hoffnung für den Wiederaufbau des Gebäudes.
Der Unternehmer Hans Wall hat dem Senat ein Angebot zum Wiederaufbau des Gebäudes unterbreitet. Rund 20 Millionen Euro würde Wall in das Vorhaben investieren.
Ganz allgemein setzt die Hauptstadt zunehmend auf die Wiederherstellung alten Stadtschmuckes. Und: Es wird auch aufgebaut, was schon lange nicht mehr im Stadtbild existiert. Hinfort die von Denkmalschützern vertretene Doktrin, nicht mehr aufzubauen, was gänzlich fort war. Nicht zu rekonstruieren, was der Zweite Weltkrieg und die Abrisswut der Nachkriegszeit zerstörten.
Ein Beispiel dafür ist der Schinkelplatz nördlich des Bauakademie-Standortes. Im Krieg teilweise zerstört, ließ ihn die DDR für den Bau ihres Außenministeriums einebnen, ebenso wie die Bauakademie, deren kriegsbeschädigte Reste bis 1961/62 südlich des Platzes standen. Nach Abriss des Ministeriums Mitte der 90er-Jahre war dort Brachland. Nun wird er mit schmuckem Zierbrunnen, Bäumen und einer großen bogenförmigen Bank aus schwedischem Granit wieder aufgebaut.
Dass dort auch eine modern gestaltete Grünanlage wie etwa am Potsdamer Platz hätte entstehen können, war offenbar kein wirkliches Thema. Selbst Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann, sonst eher ein Freund der Moderne, legte sich für den historischen Platz ins Zeug.
Mit der Rückbesinnung aufs Alte wird auch Stadtgeschichte erlebbar machen. An der Ecke Schönhauser Allee/Metzer Straße entstand jüngst ein Hostel, daneben ein großer Biomarkt. Zwischen beiden Häusern klafft eine Lücke. Die Städteplaner setzten die Lücke mit Bedacht durch. Sie markiert das südliche Ende der Judengasse, die am Kollwitzplatz beginnt und an der Rückseite des jüdischen Friedhofs entlangführt. Bis zu den Nazi-Pogromen wurde sie von orthodoxen Juden auch für rituelle Zwecke genutzt. Später wurde der Weg parzelliert und war dadurch kaum noch zu erkennen.
Von diesem Sommer an soll er wieder auf voller Länge hergestellt sein. Am Karfreitag stand Peter Goldstein, ein Rabbi aus New York, vor dem Südzugang der Gasse. „Es ist schön, dass Berlin seine jüdische Geschichte wieder sichtbar macht“, sagt er.
Verlorenes wird auch am Alten Palais Unter den Linden wieder sichtbar gemacht. Seit einigen Monaten schmückt die Ostseite des klassizistischen Gebäudes ein von einer Pergola gekrönter Balkon. Von Efeu umrankt, diente dieser einst Wilhelm I. als Ausguck. 1945 wurde er stark beschädigt und nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut, sondern erst bei der vor zwei Jahren begonnenen Sanierung des Hauses.
Ein Lehrstück für die konsequente Wiederherstellung des Alten lieferte die sogenannte Kommandantur gegenüber dem Zeughaus. Im Kaufvertrag verpflichtete der Senat den Käufer Bertelsmann zum Wiederaufbau der historischen Fassade. Senatsbaudirektor Stimmann, der gegen die Rekonstruktion war, konnte den Wiederaufbau der Kommandantur in historischer Gestalt nicht verhindern. Bausenator Jürgen Klemann (CDU) hatte das Verfahren an sich gezogen und Bertelsmann aufs Original eingeschworen.
Berliner Morgenpost, 23.03.2008
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